Südafrika schaut in den Spiegel

Seit Wochen bewegt ein Bild des (weissen) Künstlers Brett Murray Süafrika. Besser: Es schüttelt Südafrika. Die Medien sind voll davon. Allein im Blog „Thought Leader“ der Wochenzeitung Mail&Guardian sind in den letzten 4 Wochen locker dreissig Kolumnen der verschiedensten Autoren erschienen. Und es scheint noch kein Ende der Aufregung in Sicht.
Das Bild mit dem Titel „The Spear“ zeigt den südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma in Leninpose. Vor allem aber sieht mein seinen nackten Penis.

Spätestens seit Zumas Regierungspartei ANC die weitere Ausstellung des Bildes per Gerichtsbeschluss verbieten wollte, ist das Bild in aller Munde. Und die Zerstörung des Bildes durch irgendwelche Aktivisten hat das Bild nicht nur definitiv zum Politikum gemacht, sondern auch wirklich zu einem herausragenden Stück Kunst: Ein Meilenstein in der Kunstgeschichte Süd-Afrikas.
Die Ãœbermaler wollten wohl etwas verdecken, doch jetzt zeigt das Bild erst recht viel:
Die Phantasie jedes Betrachters – und selbst die Fantasie solcher, die das Bild selber nie gesehen haben – wird durch das Bild angeregt. Ein ganzer Film läuft ab im Kopf aller Betrachter. Und keineswegs nur Fantasien von einem schwarzen, männlichen Geschlechtsteil.
Das Bild ist zu einem Spiegel des modernen Südafrikas geworden. Oder anders gesagt: Die Südafrikaner sehen ihr Land und sich selbst in diesem Bild. Und es ist kein schönes Bild:
Es ist die Summe der gegenseitigen Unterstellungen und Vorurteile, ein Bild des gegenseitigen Misstrauens. Unglaublich, was da auf einmal an die Oberfläche drängt. Südafrika scheint heute weiter entfernt vom Ideal der Rainbow-Nation als zu Zeiten der Apartheid.

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