Mörderische Mythen

Sehr gut und wohl keine Zufall, dass die NZZ am Sonntag ausgerechnet in der aktuellen Stimmung einen sehr spannenden Hintergrund über die Vielzahl der nationalistischen Mythen, aber ihre inhaltliche Ähnlichkeit und Austauschbarkeit und … Gefährlichkeit bringt. (Ich habe hier in Contextlink mehrfach darüber geschrieben. Z.B. hier oder hier oder hier)

In einem von der Schweiz angestossenen europäischen Forschungsprojekt haben 200 Historiker die nationalen Geschichten von 30 europäischen Ländern verglichen: „Einzigartigkeit“, schreibt die NZZ am Sonntag, “ ist reine Einbildung: Alle haben Erbfeinde, alle schlagen grosse Schlachten, und alle gehen einen Sonderweg.“ Die nationalistischen Mythen – häufig Gründergeschichten wie der Rütlischwur oder Heldenlegenden wie Wilhelm Tell – sind reine Konstruktionen, die wenig mit der historischen Wirklichkeit zu tun haben. Das wissen wir schon länger. Doch dieses Wissen hilft nicht. Denn „als Gebrauchsgeschichte in den Köpfen der Menschen, in der Populärkultur und vor allem auch bei nationalkonservativen politischen Kräften führen sie ein je nach Land und Region ganz unterschiedlich starkes Eigenleben.“
Solche Geschichten werden GEBRAUCHT. Sie sollen, so jung, konstruiert und falsch sie immer sein mögen, heute eine politische Wirkung erzielen.

Die Rolle, die diese nationalistischen Mythen in Europa gespielt haben – und weiter spielen – fällt aus Sicht der Historiker negativ aus. Stefan Berger, Projektleiter des Vergleichs der Historiker in der NZZ: „Die Bilanz (ist) negativ, allzu oft diente sie der Legitimierung von Gewalt, Genozid und Krieg. Im 20. Jahrhundert bildete Nationalgeschichte das eigentliche Fundament aller faschistischen und autoritären Regimes: Wo immer Vertreibung und Völkermord legitimiert werden mussten, wo immer Grenzland umstritten war, waren die Historiker dabei.“ Und weiter:
«Das Unternehmen, nationale Identität über die Geschichte herzustellen, läuft zwangsläufig auf eine Homogenisierung heraus, und damit auf die Ausgrenzung des Andersartigen als fremd und feindlich», meint Berger.
Was Berger nicht sagt: Nationalismus hat immer auch etwas Totalitäres und ist faschistoid. Er plädiert deshalb dafür, ganz darauf zu verzichten: «Historiker sollten sich dafür ganz einfach nicht mehr hergeben.»

Es ist ehrenhaft, dass die Historiker sich selbst kritiseren. Angeklagt werden müssen aber auch die Leute, die diese Mythen weiter für die Erreichung ihrer Ziele missbrauchen: Die Politiker.
Die Lehre aus der äusserst schmerzhaften Geschichte der europäischen Mythen und deren Wirkung kann nur heissen: Wer immer solche Mythen verwendet, ist hochgradig verdächtig und führt nichts Gutes im Schild.

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