Verwirrt und etwas fremd in Istanbul

Ich bin hierher nach Istanbul gekommen mit der Ausrede, „vor Ort“ etwas über die Türkei zu schreiben. Vor allem über ihre geostrategische Rolle als „Brücke zwischen Europa und Asien“ oder gar als „Vermittler“ zwischen der muslimischen und unserer westlich-christlichen Welt.

Inzwischen bin ich genau 7-mal zwischen Europa und Asien hin und her gefahren. Auf den städtischen Fährschiffen kann man für umgerechnet knapp 1 Franken gemütlich in 15 Minuten von Istanbuls Stadtteilen in Europa, wie dem touristischen Sultanahmet mit seinen berühmten Moscheen (Hagia Sophia, Blaue Moschee), dem grossen Basar oder dem modernen Beyoglu mit seinen Shopping-Zentern, Starbuck-Cafés und Rockclubs, hinüber nach Asien fahren ins pulsierende, „normale“ Kadiköy, ins viel „muslimischere“ Üsgürdar oder ins chic-westliche Fenerbace.

Einmal habe ich auf der Rückfahrt von Kadiköy auf dem Oberdeck eine junge, moderne Türkin getroffen – sie hat mich angeredet. „Es ist zum Davonlaufen“, klagt sie, während am europäischen Ufer die Silhouetten der Hagia Sophia, der Blauen Moschee und des Serails vorbeiziehen. Sie sehe keine Zukunft hier. Der rasch zunehmende Islamismus sei das Problem, sagt die junge Fotografin, die im PR-Business arbeitet. Noch vor fünf Jahren habe man fast keine Kopftücher in Istanbuls Öffentlichkeit gesehen und schon gar keine Schleier. Diese verschleierten Frauen habe es zwar schon früher gegeben, „aber jetzt wagen sie sich raus.“ Dies sei ein klares Anzeichen dafür, wie stark der Einfluss der islamistischen Kreise zunehme. „Die Türkei entwickelt sich rückwärts, orientalisch“, stellt sie nüchtern fest. Ihrer aufgestellten Stimmung tut das allerdings keinen Abbruch. In Eminömü, am Fuss der prächtigen Sülemaniye-Moschee steigt sie auf ihren schicken Schuhen in ein Taxi: „Geniessen Sie ihr Leben.“

Sehr „europäisch“ wirkt Istanbul dagegen offenbar auf Besucher aus dem Orient. Im Blog des Baghdad-Büros der New York Times beschreibt die irakische Journalistin Anwar J. Ali die Eindrücke ihres Istanbul-Besuchs letzten Sommer: „Bevor ich in die Türkei reiste, dachte ich, es sei ein orientalisches Land. Als ich in Istanbul ankam – und obwohl ich noch nie in Europa war – fühlte ich, dass ich in einer europäischen Welt war. Es ist überhaupt nicht wie im Orient, den ich kenne: die sauberen Strassen, die schönen, hohen Gebäude, wie die Leute angezogen sind, die grosse Zahl türkischer Frauen, die das Kopftuch in moderner Art tragen, Liebespaare, die sich auf offener Strasse küssen. Für die junge Frau aus dem Irak ist einfach alles faszinierend: „Es war einfach wie ein Paradies für mich.“

Ich habe den Eindruck, das Bild beider Frauen stimmt, so gegensätzlich ihre Wahrnehmung ist. Je länger ich hier in Istanbul bin und je mehr ich über die Türkei recherchiere, desto weniger bin ich fähig, mir ein einheitliches, klares Bild zu machen. Natürlich bin ich fasziniert von den Kulturschätzen und mir auch bewusst, dass diese Stadt ein Teil meiner europäischen Kulturgeschichte ist. Natürlich bin ich fasziniert vom pulsierenden Leben in der 16-Millionen-Stadt auf zwei Kontinenten. Natürlich nervt mich das ewige Hasseling (Angequatscht-Werden) der Händler überall und der Werber vor den Restaurants. „Hello, my friend. Where do you come from? blablabla….“. Ich kann nicht begreifen, dass diese Leute nicht verstehen, dass sie mir mit ihrem Drängen jede Lust aufs Kaufen verderben. Trotzdem überwiegt in Istanbul die Freundlichkeit und Offenheit fast aller Menschen, die mir nichts verkaufen wollen.

Insgesamt bin ich ziemlich verwirrt und fühle mich meist fremd.
Istanbul ist so vielfältig, widersprüchlich, faszinierend, nervig und anstrengend …. wie die türkische Position in der neuen Weltordnung. Darüber muss ich aber in einem anderen Contextlink-Beitrag mehr schreiben.

Up-Date am Flughafen Sabiha Gökcen:
Der Apparat der modernen Türkei tut sich schwer mit den Frauen, speziell mit den verschleierten, von denen es hier momentan besonders viele gibt, weil ein Flug nach Kuweith geht.
Bei der Passkontrolle werden modern gekleidete Frauen, die wegen der unangenehmen Kälte in Istanbul in diesen Wintertagen eine Mütze tragen, aufgefordert, die Kopfbedeckung abzunehmen, offenbar um den Vergleich mit dem Passbild zu erleichtern. Die Frauen scheinen davon nicht überrascht, und einige tun das charmant, indem sie kokettierend ihre schönen, langen Haarmähnen frei schütteln. Nur komisch, dass daneben Frauen, die bis auf einen Augenschlitz völlig verschleiert und verhüllt sind, die Passkontrolle unbehelligt passieren, respektive sich gar nicht persönlich dem Passbeamten in dessen Kabäuschen stellen. Offenbar genügt es, dass ihre Männer, die den Beamten die Pässe ihrer Frauen vorlegen, dafür garantieren, dass unter dem etwas abseits wartenden schwarzen Stoff- und Tuchgebilde tatsächlich die im Pass angegebene Frau steckt. Ob das den ansonsten pingeligen bis schikanösen Sicherheitsvorschriften entspricht, wage ich zu bezweifeln.

Eines nimmt mich sehr Wunder: Wie sieht eigentlich das Föteli im Pass der verschleierten Frauen aus? Sieht der Passbeamte das unverschleierte Gesicht der Frau oder auch nur schwarze Tücher und einen schmalen Augenschlitz?

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