1000 Tote in Gaza. NUR 1000 Tote.

Bild: Reuters (Telegraph)

Inzwischen ist die Zahl der Toten im Gazakrieg auf über 1000 gestiegen. Viele davon „Zivilisten“, Frauen, Kinder. 1000 Schicksale, tausend, durch nichts zu rechtfertigende Tote Menschen. Und abertausende Hinterbliebene, verzweifelt, wütend, traumatisiert.

Und doch ist die Zahl von 1000 Toten, NUR 1000 Toten, ein Beleg dafür, dass Israel tatsächlich bisher sehr vorsichtig vorgegangen ist. Denn eigentlich müssten bei einem konsequenten militärischen Vorgehen in einem so dicht besiedelten Gebiet wie Gaza viel mehr Menschen ums Leben kommen. Noch immer zögert die israelische Armee, den Krieg wirklich in Gazas Zentrum zu tragen. Doch dies ist unausweichlich, wenn Israel sein Hauptziel dieses Krieges erreichen will: Wieder glaubwürdig abschreckend sein.

Ziel Abschreckung
Zipi Livni, Israels Aussenministerin, hat dieses Ziel heute in Bestätigung der schon früher geäusserten Thesen der Experten, z.B. von Stratfor, im Interview mit Spiegel Online offen zugegeben: „The operation was never about destroying Hamas — rather our aim was to restore our deterrence capability.“ Es geht darum, das Image aus dem Libanonkrieg, aus Angst vor eigenen Verlusten nicht mehr wirklich konsequent militärisch vorgehen zu können, wieder zu korrigieren.
Doch das heisst, dass die israelische Armee jetzt dahin gehen muss, „wo’s weh tut“: Wirklich ins Zentrum von Gaza. Dabei wird Israel aber weiterhin alles daran setzen, die eigenen Verluste möglichst klein zu halten, so wenige Soldaten wie möglich im „Leichensack nach Hause zu bringen“.

Militärisch-operative Logik
Was das bedeutet, hat einer der Generäle, Gadi Eisenkot, schon im Oktober in einem Interview mit der Zeitung Yedioth Ahronoth (zitiert in Al-Jazeera) klar gemacht, auch wenn er damals noch von einem Krieg in den Dörfern sprach. Dies gilt aber um so mehr für die Stadt:
„We will wield disproportionate power against every village from which shots are fired on Israel, and cause immense damage and destruction. From our perspective these [the villages] are military bases.“… „This isn’t a suggestion. This is a plan that has already been authorised.“

Es geht darum, mit aller Macht alles maximal zu zerstören, was im näheren Umfeld der vorrückenden Truppen liegt. Es geht in erster Linie darum, die eigenen Soldaten zu schützen.

Maximale Gewalt und Zerstörung als Selbstschutz
Jeder Einheitskommandant, jeder Zugführer der in der Stadt vorrückenden Truppen hat nur ein Ziel: Möglichst niemanden seiner Leute zu verlieren. Das militärische Ziel des Auftrags wird zwar mechanisch ausgeführt, aber der Fokus der Menschen im Krieg ist einzig darauf ausgerichtet zu überleben.
Die Soldaten sind vollgepumpt mit Adrenalin. Sie haben Angst, Todesangst, alle Sinne sind panisch gespannt. Auch wenn die Luftwaffe und/oder die Artillerie schon alles platt gemacht hat, bevor die Soldaten in ihren Fahrzeugen oder zu Fuss in ein neues Gebiet vorrücken, gibt es keine Sicherheit, dass nicht irgendwo noch Feinde überlebt haben und sich versteckt halten. Niemand hat wirklich Lust aus dem Schützenpanzer auszusteigen, wenn die Gefahr besteht, dass noch irgendwo auch nur ein einziger Sniper/Scharfschütze in einem ausgebomten Gebäude lauert. Und niemand hat Lust, ein nur halbwegs zerstörtes Gebäude zu betreten, wo vielleicht noch feindliche Kräfte oder auch nur ein einzelner bewaffneter Zivilist verschanzt sind.
Und so wird wohl nocheinmal mit aller zur Verfügung stehend Zerstörungsmacht der eigenen Mittel wie Panzer, Granaten, etc. in die Gebäude gefeuert.

Und wenn sie dann schliesslich die zerstörten Gebäude doch zu Fuss durchkämmen müssen, sind die Männer immer noch voll panischer Angst und werden auf jeden Schatten schiessen, der sich vermeintlich bewegt. Wenn sie dann womöglich feststellen, dass sie nicht feindliche Kämpfer in dem Gebäude eliminiert haben, sondern vielleicht nur wehrlose Frauen, Kinder und Alte, ist der Horror nochmal grösser.
Doch die Soldaten müssen weiter vorrücken. Neue Gebäude, neue Gefahren, neue Angst, neue Gewalt und Zerstörung. Kameraden, Freunde drehen durch, werden verletzt oder getötet. Für Moral oder irgendwelche hehren Kriegsgesetze gibt es keinen Platz. Es geht nur um einen selbst und um den Kameraden im selben Dreck, der einem beisteht.

Psychische Zerstörung
Normale Menschen, auch trainierte Soldaten, können die tagelangen Angstzustände und den Horror, den sie selbst anrichten oder nur sehen, nicht verkraften. Sie werden traumatisiert, manche nachhaltig. Und sie tragen ihre Probleme zurück ins zivile Leben, in die Gesellschaft.

Das Phänomen heisst PTSD, Post Traumatic Stress Disorder. Genauer untersucht wurde es zuerst in den USA nach dem Vietnam-Krieg. Doch inzwischen gelten israelische Psychiater als die grössten Experten in Sachen Kriegstraumata. Sie habe jede Menge Erfahrung. Neuerdings versucht man, die psychisch zerstörten Soldaten mit einer Canabistherapie zu behandeln.
Untersuchungen über palästinensische PTSD-Patienten gibt es weniger.

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