Kony 2012: Schadensbegrenzung dringend nötig

Kony 2012. War da was? Der Hype ist vorbei. Am Actiontag nächsten Freitag/Samstag werden vielleicht ein paar junge Menschen – aus Ignoranz, oder aus Trotz, weil sie nicht zugeben können, dass sie missbraucht worden sind? – noch ein paar Plakate auch in unseren Städten aufhängen. Aber es dürften wenige sein. Das ist kein Trost.
Denn die Kapampagne hat längst ihre negative Wirkung erzielt. Die Jagd auf Joseph Kony hat bereits begonnen. So hat z.B. die Afrikanische Union (AU) mitte März entschieden, eine Sondertruppe von 5000 Mann in das Grenzgebiet der Zentralafrikanischen Republik, des Kongo und des Südsudan zu schicken, wo der „Schlächter von Uganda“ sich zur Zeit mit seiner handvoll übriggebliebener „Rebellen“ umtreibt. Die Leidtragenden werden diejenigen sein, denen die PR-Kampagne vorgeblich helfen wollte: Die lokale Bevölkerung.

Es bräuchte jetzt dringend eine neue Kampagne. Eine Aktion mit konkreten Massnahmen, die die Menschen im zentralafrikanischen Krisengebiet vor den Folgen der PR- und Geldsammel-Kampagne Kony 2012 im Westen schützt oder zumindest die angerichteten Schäden begrenzt. Alle die Leute, die sich mit ihrem Engagement für die Kony 2012-Kampagne – und war es nur dem Weiterleiten des PR-Videos – mitschuldig gemacht haben, müssten sich jetzt dafür engagieren. Das Ziel der Kampagne müsste „Schutz der Bevölkerung“ heissen, nicht „Jagd auf Kony“.

Dafür aber müssten die missbrauchten Instant-Gutmenschen zuerst einmal akzeptieren, dass sie mit ihrem Liken und Verlinken des Videos das Gegenteil erreicht haben von dem, was sie angeblich bewirken wollten:

Karte: Reconciliation Resources

Den Menschen dort draussen zu helfen, indem Joseph Kony endlich gefasst würde. Dazu müssten die Kony2012-Liker aber von den hiesigen Medien über die reale Wirkung der Kampagne vor Ort informiert werden. Doch darum foutieren sich die Massenmedien, die den Kony 2012-Hype mit angeheizt haben. Wirkliche Aufklärung bringt keine Quoten und/oder Auflagen. Wer will denn schon die unangenehme Wahrheit kennen, die einem den peinlichen Irrtum klar werden lässt, dass man einer schädlichen PR-Kampagne aufgesessen ist.

Garamba Nationalpark (einer der Kony-Stützpunkte)

Für diejenigen, welche aber wenigstens wissen wollen, was wirklich Sache ist in der Dschungel-Region im Dreiländereck Zentralafrika, Kongo, Südsudan: hier gibt’s (englische) Infos von vor Ort. Ausführliche Hintergründe über die Arbeit der NGOs in der Krisenregion gibt’s hier.
In Kürze zusammengefasst:

1. Die militärischen Operationen im Kony-Gebiet werden zu mehr Gewalt und Elend führen.

Truppen Ugandas im Garamba Nationalpark (Kongo)
  • Konys Leute sind ständig unterwegs. Zwei Drittel der kleinen Gruppen sind Zivilsiten, Frauen und Kinder. Sie wären die ersten Opfer bei militärischen Aktionen gegen die Kony-Einheiten.
  • Die Soldaten der Sondereinheiten der Afrikanischen Union werden selbst Ãœbergriffe gegen die lokale Zivilbevölkerung machen. Die Erfahrung der Bevölkerung mit diesen häufig undisziplinierten Truppen vornehmlich aus Uganda und dem Kongo sind sehr schlecht: Raub, Vergewaltigungen, Massaker.

2. Die Operationen der internationalen Truppen gefährden das laufende – erfolgreiche – Programm „Disarmament, Demobilization and Reintegration (DDR)“ lokaler NGOs, das Soldaten und mittlere Kommandanten der Konytruppen desertieren hilft, indem es sie schützt und wiedereingliedert.

LRA (Kony’s „Rebellen) unterwegs im Südsudan

3. Aktivisten in aller Welt sollten nicht Druck auf ihre (westlichen) Regierungen, „etwas in Afrika zu unternehmen“, sondern Druck auf die lokalen Regierungen in Kinshasa (Kongo), Kampala (Uganda), Bangui (Zentralafrika) und Juba (Südsudan) machen, sie sollten sich endlich um die Randregion im Kony-Gebiet  kümmern:

  • Staatliche Strukturen und eine funktionerende Verwaltung schaffen
  • Statt punktuell militärische Aktionen durchzuführen, sollten ständig Truppen im Gebiet stationiert sein, die die Bevölkerung vor Ãœbergriffen wilder Milizen schützen.

4. Die lokalen NGOs von kirchlichen und zivilen Organisationen, die vor Ort sind, müssen unterstützt und geschützt werden. Nicht ausländische Hilfsorganisationen.

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