Regierungsratswahl BL oder Der Elefant im Wohnzimmer 2

Bild: Onlinereports

Jedermanns Wahrnehmung ist geprägt von seiner persönlichen Geschichte und Erfahrungswelt. Ich bin zurzeit in Brasilien. Mein Fokus ist das Studium des Phänomens der Evangelikalen hier. Entsprechend ist meine Wahrnehmung auf Signale aus diesem Bereich sensibilisiert. Und dann sehe ich beim Surfen in Internet dieses Bild des Baselbieter Regierungsratskandidaten Jourdan auf OnlineReports und ein Film geht los in meinem Kopf:

Ich erinnere mich an Sunday Adelaja in Kiev in der Ukraine, der bei den Dreharbeiten zu unserem Dokumentarfilm „Kreuzzug“ offen seine politische Strategie darlegt: Sein Ziel sei es, alle Bereiche der Gesellschaft zu durchdringen und, nicht zuletzt, Mitglieder seiner Kirche in allen politischen Organen und Kommissionen zu haben, welche Werte in Gesetze umsetzen.

Ich sehe Brasilien, wo das Ziel Sunday Adelajas offenbar schon fast erreicht ist: Ohne die Zustimmung der Evangelikalen kann in Brasilien kaum mehr ein Gesetz verabschiedet werden.
Im Zentrum der öffentlichen Debatte stehen hier seit Jahren die Abtreibung und die Homosexualität. Natürlich sind die Evangelikalen dagegen und auch wenn die Linke Präsidentin Dilma Rousseff eigentlich dafür ist, mag sie nicht auf die Stimmen der Evangelikalen verzichten und lässt (zum Beispiel) ihren ihre Plan, die Abtreibung in Brasilien endlich zu legalisieren wieder fallen.

Und jetzt sehe ich also das Bild des Baselbieter Regierungsratskandidaten Thomy Jourdan auf Onlinereports. (Up-date: am 9.6.2013 nicht gewählt).
Ich zucke zusammen und denke: Das ist doch ein Missionar. Ich google und tatsächlich: Er ist ein Evangelikaler. Er macht offenbar auch keinen Hehl daraus, Mitglied einer evangelikalen Freikirche zu sein. Nur ich habe das noch nicht mitbekommen.

„Also doch, jetzt auch bei uns“, bin ich versucht zu rufen. Und: „Wehret den Anfängen.“

Aber ich weiss, ich tue Herrn Jourdan unrecht. Er wird mit Sicherheit und Überzeugung sagen, seine Zugehörigkeit zu einer evangelikalen Kirche sei reine Privatsache.

Schliesslich leben wir in der Schweiz in einer säkulären Gesellschaft. Kirche und Staat sind strikt getrennt. Nur, dies ist auch in Brasilien so. Und eine Aufhebung dieser Trennung wird von den Evangelikalen, die ihren Einfluss in der Politik nicht nur hier in Brasilien mehr und mehr zur Geltung bringen, auch gar nicht angestrebt. Ihr Argument: Ihre christliche Kultur steht ausserhalb, über dem Politzirkus. Sie ist keine Ideologie und schon gar nicht eine Ideologie im Wettstreit mit andern Ideologien. Für die mächtigen evangelikalen Kirchenfürsten sind Politik und Staat Teil der christlichen Kultur, mit ihren allgemeingültigen, einzig wahren Werten.

Was die Evangelikalen in Brasilien in ihrer drastisch-arroganten Art ausdrücken, heisst nüchtern betrachtet und politisch korrekt europäisch formuliert eigentlich nur: das Christentum ist unsere Leitkultur.
Und damit wird einmal mehr deutlich, wie wenig weit entfernt wir sind, von der von uns als religiös-fundamentalistisch empfundenen Haltung der Evangelikalen in Asien, Afrika und Lateinamerika.
Das Religiöse ist auch bei uns omnipräsent. Wir wollen es nur nicht wahrnehmen. Das ist der berühmte „Elefant im Wohnzimmer„, von dem Professor Peter Berger spricht. Thomi Jourdan ist bloss ein kleiner sichtbarer Punkt dieses Elefanten, den wir aber nicht als Teil des Phänomens wahrnehmen wollen. Das Thema der Religiosität ist in der Schweiz tabu. Aus historischen Gründen. Aber ich halte ich es für dringend notwendig, mit Kandidat Jourdan – und vielen andern Exponenten der Politik – über seine Religiosität zu reden. Sie durchdringt sein Gedankengut.

Allerdings besteht die Gefahr (Gefahr???), dass viele auch Nichtreligiöse zustimmend nicken werden. Denn im Wesentlichen würden die Jourdans und Co. ihre christliche Haltung wohl mit Werten beschreiben, die gemeinhin schlicht als typisch schweizerisch gelten.

Auch wir Schweizer Nichtreligiösen und Nichtgläubigen sind geprägt vom christlichen Gedankengut. Das Christentum ist unsere Kultur, auch wenn wir nicht religiös sind und uns nicht als Christen bezeichnen.

Aber wir sollten mit Jourdan und Co. (* siehe Fussnote) dringend auch über die hässliche Fratze der christlich-fundamentalen Bewegung reden, die nicht nur in Brasilien, sondern vermehrt auch in Europa (Paris) zu sehen ist: Ihre Haltung gegenüber der Abtreibung oder der Homosexualität.
Die Ablehnung der Homosexualität ordnen die Soziologen dem Phänomen „Gruppenbzogenen Menschenfeindlichkeit“ zu, zu dem auch der Rassismus, die Fremdenfeindlichkeit, der Anti-Islamismus oder der Anti-Semitismus gehören. Und spätestens hier kommt auch die Nähe zum Menschenbild der (Erz-) Konservativen zum Vorschein und – ich wag’s fast nicht zu schreiben – die Nähe zur Haltung einer grossen Mehrheit des Schweizer „Volks“ von rechts bis links, das zur Zeit eine starken Reflex gegenüber allem Fremden, Von-Aussen-Kommenden entwickelt. Heute wieder manifestiert im wuchtigen Ja zu einer weiteren Verschärfung des Aslygesetzes.

Ich bin mir sicher, dass Thomi Jourdan und Co. sich sehr glaubwürdig von der menschenfeindlichen Haltung der Extremisten abzugrenzen wissen und sich wohl mit Recht dagegen verwahren werden, mit einem brasilianichen Evangelistenpolitiker verglichen zu werden. Aber wir sollten in der Schweiz dringend darüber Reden, was wir unter der „christlichen Leitkultur“ und unseren (christlichen) Werten verstehen.

* Fussnote:
Die Zahl der Grössen aus Politik und Wirtschaft, die sich offen auf ihren chrsitlichen Glauben berufen, ist gross. 
Meist Leute, die mir positiv auffallen – und keineswegs nur Klassisch-Konservative:
Eric Nussbaumer, gescheiterter Regierungsratskandidat der SP und einflussreicher Nationalrat, ist Mitglied einer Freikirche; die Präsidentin der BLKB Elisabeth Schirmer ist religiös; es gibt gleich mehrere Organsiationen christlicher Unternehmer in der Schweiz, zu denen Leute wie Roche-Chef Franz Humer oder Ricola-Besitzer Felix Richterich gehören; Viktorinox, wahrlich ein Schweizer Vorzeigeunternehmen, wird wie eine Reihe anderer KMU nach christlichen Prinzipien geführt; Economiesuisse-Präsident Wehrli ist Theloge, usw..

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