Parallelen: Katholizismus und Islamismus

Khairat al Shater, Präsidentschaftskandidat Muslimbrüder Ägypten

Wir beobachten das Phänomen Post-Islamismus – und die zunehmende Ratlosigkeit des Westens mit der neuen politischen Realität des modernen, politischen Islam im arabisch-nordafrikanischen Raum. Neustes Kapitel: Der starke Mann der ägyptischen Muslimbruderschaft, Khairat al-Shater, kandidiert als Präsidentschaftskandidat. Der erfolgreiche Unternehmer und Vizepräsident der Muslimbrüder passt fast perfekt ins Bild der westlichen Propaganda und ihrem Verdacht des Wolfs im Schafpelz. Vor lauter Angst vor den Fundamentalisten“ ist man im Westen offenbar bereit, sich weiterhin mit den definitiv demokratie-feindlichen Kräften der ägyptischen Armee ins Bett zu legen. Dabei würde ein Blick in die eigene (europäische) Geschichte helfen, etwas entspannter auf die neue Konstellation im muslimischen Nordafrika zu reagieren: Es gibt erstaunliche Paralleln des Postislamismus in Ägypten, Tunesien oder Marokko mit dem Katholizismus in Europa im 19. Jahrhundert:
Stathis N. Kalyvas macht diese Parallelen deutlich in seinem Beitrag „The Turkish Model in the Matrix of  Political Catholizism“ im Buch „Democracy, Islam and Secularism in Turkey“ (Hrsg. Stepan Alfred und Ahmet Kuru):

Er zeigt, wie sich der Katholizismus in Europa von einer starken Oppositionskraft gegen das neue, demokratisch-säkulare politische System zu einem staatstragenden Teil der modernen liberalen, demokratischen Ordnung entwickelte.

Papst Pius IX. † 1878

1864 veröffentlichte Papst Pius IX seinen berühmt-berüchtigten „Syllabus Errorum“ („Verzeichnis der Irrtümer“). Parallel dazu mobilisierte die Kirche die Massen gegen die Modernisierung. Dabei konnte sich der Katholizismus auf sein starkes Netz von sozialen Einrichtungen Abstützen: Spitäler, Hilfswerke, Banken oder Schulen. Genau wie die islamistische Bewegung heute im arabischen-nordafrikanischen Raum.
Was den damals moderniserungsfeindlichen Katholizismus, der die staatlichen Institutionen und das liberale, demokratische Gedankengut öffentlich bekämpfte, zu einer staatstragenden christlich-demokratischen Bewegung konvertieren liess, war die Integration in das politische System. Kalyvas schreibt: „The anti-liberal dimension of the Catholic mobilization was toned down and effectively reversed, once the Catholics parties became integrated into the political system of their countries.“ Und: „While these parties moderated, they contributed to the democratization of their countries.“

Die Parallelen zur Entwicklung des (Post-) Islamismus heute nennt Kalyvas „striking“ – frappierend. Um ihre Botschaft besser propagieren zu können, hätten sich „einige islamische Bewegungen“ für eine Strategie im Rahmen des (demokratischen) Systems entschieden, indem sie sich zum Beispiel an Wahlen beteiligten.
Ganz ähnlich wie Olivier Roy in seinen Beobachtungen zum Post-Islamismus kommt auch Kalyvas zum Schluss, dass der neue politische Islam sich damit nicht nur in das bestehende System einbindet, sondern damit auch dessen Prinzipien akzeptiert und gar zur „Verbreitung der säkulären und westlichen Ideen“ beiträgt.

In einem Interview mit „Radio Vatikan“ (sic!) fasst Olivier Roy die Integration des politischen Islam in den letzten Jahren zusammen:

„Die Islamisten sind durch die dreißig Jahre verändert worden, in denen sie teils in der Opposition waren, teils auf komplizierte Art und Weise doch an der Macht beteiligt wurden. Sie passen sich so, wie sie heute sind, in ein parlamentarisches System ein: manchmal richtiggehend triumphal wie in Marokko, manchmal doch etwas zögerlich wie in Ägypten. Es sind auf jeden Fall nicht mehr die Islamisten von vor dreißig oder vierzig Jahren. Es geht ihnen nicht mehr um eine islamische Revolution wie im Iran, es geht ihnen auch nicht mehr um einen islamischen Staat oder um die zwangsweise Durchsetzung der Scharia. Natürlich sind sie keine Liberalen geworden; eher kann man von konservativen rechten Parteien sprechen, wenn es ums Soziale geht, und von Liberalen, wenn es um die Wirtschaft geht, Nationalisten, die stark die kulturell-religiöse Identität betonen. Aber jedenfalls Parteien, die das Prinzip von Demokratie, Mehrparteiensystem und Verfassung akzeptiert haben.“

Für Olivier Roy sind die Post-Islamisten in Nordafrika so etwas wie die geistigen Brüder der Christdemokraten in Europa, Teil einer modernen, globalen konservativen Bewegung.
Und tatsächlich lassen sich die Brüder aus dem arabisch-nordafrikanischen Raum auch noch so gerne in die westliche Familie integrieren, wie wir beim Weltwirtschaftsforum in Davos dieses Jahr beobachten konnten.

PS:
Eben habe ich noch einen Artikel in der New York Times gelesen. Offenbar ist Khairat als Shater auch im Westen salonfähig. Man kenne ihn. Offenbar wird der Vizepräsident der Muslimbrüder – und die Muslimbrüder als Ganzes – jetzt auch im Westen (der USA) als akzeptabel angesehen, wenn auch vorerst nur im Sinne des „kleineren Ãœbels“, weil man sonst mit einem Salafisten-Hardliner  wie Hazem Salah Abu Ismail rechnen muss. Die NYT bezeichnet Hazem Salah als „old scholl islamist“. Damit wäre die Definition für die Muslimbrüder und andere Post-Islamisten wohl „new school islamist“.

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