Das Trainingszenter Gottes

Die Ukraine: „Trainingszentrum Gottes“

Sunday Adelaja, Irpin/Ukraine 2012 (Bild: Contextlink)

Pastor Sunday von der Embassy of God in Kiev glaubt, Teil eines göttlichen Masterplans zur Eroberung der Welt zu sein.

In der für die evangelikalen Prediger typischen, übertrieben bombastischen Ausdrucksweise verkündet er offen, Gott habe ihn in die Ukraine gesandt, um hier ein Modell für die Umwandlung eines Landes nach den den „göttlichen Prinzipien“ zu schaffen, das dann international anwendbar sei. „Die Ukraine ist Gottes Trainingszentrum“. Sein Auftrag laute, von der Ukraine aus weiter ostwärts zu wirken entlang dem Pfad, den der Kommunismus genommen habe, bis hin nach China.
Das verächtliche Lachen bleibt einem im Hals stecken, wenn man vor Ort in Kiev Pastor Sunday trifft und vor allem die Umsetzung seiner scheinbar hochtrabenden Verkündigungen und die Wirkung seiner Botschaften im postkommunistischen Alltag der Ukraine sieht, dem flachenmässig zweit- und mit rund 46 Millionen Einwohner bevölkerungsmässig fünft-grössten Land Europas.
Alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen
Dreh Dok-Film „Kreuzzug“, Ukraine 2012

Pastor Sunday verfolgt mit seiner Kirche „Embassy of God“, einen sehr weltlich-praktischen Masterplan für die Ukraine – und das in völliger Transparenz. In seinem Buch „Church Shift“ ist die Strategie öffentlich gemacht. Kernpunkt der Strategie: Wir müssen „alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen“. Mit den christlichen Werten. Ziel ist die Errichtung des „Reichs Gottes“ – ein Leben in den christlichen Werten. (alle weitern Infos gemäss den Recherchen/Dreharbeiten des 3Afilm-Teams für den Dokumentarfilm „Kreuzzug“ im Februar 2012 in Kiev).

Soziale Arbeit in „unabhängigen“ NGOs
Seit der Gründung der Kirche 1998 haben ihre Mitglieder bisher über 3000 NGOs in der Ukraine gegründet. Sie sind tatsächlich in allen Sphären der Gesellschaft aktiv, vor allem aber dort, wo der post-kommunistische Staat versagt: in der sozialen Arbeit. Es gibt NGOs für Kinder, Jugendliche oder Alte. Vor allem und zuerst für die erschreckend grosse Zahl von Randständigen der ukrainischen Gesellschaft: Für Strassenkinder, Obdachlose, Alkoholiker, Drogensüchtige, Gefängnisentlassenen, usw.. Sie betreiben aber auch NGOs gegen die Korruption, gegen den Drogenhandel, gegen Werbung für Alkohol oder Raucherwaren, gegen die Homosexualität.
Diese NGOs treten nie unter Flagge der Kirche auf, denn sonst würden sie von der Gesellschaft und insbesondere von den staatlichen Behörden nicht akzeptiert und zugelassen, wie Pastor Sunday und sein engster Rat von vertrauten „Wiedergeborenen“- meist ehemalige Drogensüchtige, Alkoholiker oder sonstwie Abgestürzten – wissen. So erhalten die NGOs zwar keine direkte finanzielle Unterstützung durch den Staat, dessen soziale Arbeit sie machen, aber den nötigen Zugang z.B. zu den Gefängnissen oder den Schulen.
Die NGOs kooperieren eng mit den staatlichen Behörden, der Polizei, den Spitälern oder Rektoraten.
Herzstück der christlichen Bewegung sind Rehabilitationszentren für die Leute, welche die Kirche von der Strasse holt. 167 solche Zentren sind es inzwischen im ganzen Land. Hier werden die Leute in einem klösterlichen Leben resozialisiert und auf ein normales Leben vorbereitet. 60 Prozent der Eintretenden schaffen es, 98% deren, die bis zum Schluss durchhalten, erzählt der Koordinator aller Rehab-Zenter, Alexander Zinchenko gegenüber dem 3Afilm-Team. Eine sensationelle Quote. Pastor Alexander ist – natürlich – selbst ein geretteter ehemaliger Drogensüchtiger. Im zivilen Leben ist er inzwischen erfolgreicher Unternehmer. Die Arbeit in den NGOs macht er wie alle Mitglieder der Kirche gratis, „nebenher“.„Gerettete“ werden Kirchen-Mitglieder

Die „Geretteten“ haben keine Pflicht zum Kirchenbeitritt, aber es ist für alle „logisch“, dass die meisten „Wiedergeborene“ sein wollen. Nicht nur aus Ãœberzeugung, sondern auch wegen der handfesten, praktischen Vorteile:
Damit finden sie Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche, praktische Lebensanweisungen für die Kindererziehung, Eheberatung, etc.. Wer Mitglied der Kirche ist, erhält gezielt auch eine berufliche Aus- oder Weiterbildung: vom Finanzmanagement bis zur handwerklichen Berufslehre.
Mitglieder der of God Embassy haben gemäss Angaben der Kirche bisher 2000 Unternehmen gegründet, unzählige Arbeitsplätze geschaffen und viel Einkommen generiert. 10% des Einkommens gehen an die Kirche. Freiwillig.
Die Embassy of God nimmt für sich in Anspruch, bisher 500 Millionäre „gemacht“ zu haben.
Schneeballsystem
Die Kirche „produziert“ die soziale Arbeit in einer Art Schneeballsystem. Aus der Randständigkeit Gerettete, „wiedergeborene“ neue Kirchenmitglieder funktionieren als Gruppenleiter in geschaffenen Rehab-Zentern, engagieren sich als Sozialarbeiter in den NGOs und/oder gründen entsprechend ihren Neigungen und Interessen neue NGOs oder eigene Firmen. Dabei gewinnen sie neue Mitglieder für die Kirche, welche erneut als Multiplikatoren funktionieren.
„Nicht die Kirche ist das Ziel“, betonen alle Leute der Embassy of God in den Interviews mit dem 3Afilm-Team, sondern „die Veränderung der Gesellschaft nach den Prinzipien des Reichs Gottes“. Und diese Prinzipien sind die alten protestantische Werte, auf deren Basis die herrschende westliche Kultur steht.
Politische Einmischung
Die Bewegung von Pastor Sundays evangelikalen Christen in der Ukraine ist ungeschminkt politisch. In der Orangen Revolution 2004 hat sie eine wichtige Rolle gespielt. Nicht nur weil Zehntausende ihrer Anhänger aktiv an den Protesten teilgenommen haben, sondern auch mit praktischer Arbeit: In Zelten der Embassy of God am zentralen Maydan-Platz in Kiev haben sie Suppenküchen betrieben, Zugereisten Aufnahme und Unterkunft geboten, Betveranstaltungen abgehalten mit der Hauptbotschaft „keine Gewalt“ und, last but not least, hat die Kirche des schwarzen Predigers aus Nigeria täglich die Zeitung der erfolgreichen politischen Protestbewegung herausgegeben.
Die Orange Revolution habe den führenden Köpfen der Embassy of God aber auch gezeigt, „dass wir aktiv in die Politik eingreifen müssen“, sagt Aliona Dobrovolskaya, die damals unter anderem Herausgeberin der Revolutionszeitung war und Mitglied des inneren Zirkels der Kirchenbewegung um Pastor Sunday ist. Sie hätten begriffen, dass es nicht genüge, nur zu demonstrieren und Forderungen zu stellen, sondern „dass wir uns aktiv und persönlich in der Politik engagieren müssen, wenn wir die Gesellschaft der Ukraine nachhaltig verändern wollen.“
Seither sind Leute der Embassy of God Mitglieder der verschiedenen Parteien des Landes. Sie sitzen in Kommissionen und Ausschüssen und versehen politische Ämter. 30% der Abgeordneten im Stadtparlament der Hauptstadt Kiev gehören heute zur Embassy of God, verteilt auf alle Parteien. Der Bürgermeister von Kiev, Leonid Chernovetsky, ist ihr prominentester Exponent.
Die Kirche ist schmerzfrei opportunistisch. „Wir sagen den Leuten, sie sollen in diejenige Partei gehen, in der sie die besten Beziehungen haben“, bestätigt Pastorin Aliona, die hauptberuflich eine der wichtigen Politberaterinnen der regierenden Partei in Kiev ist. Wichtig sei einzig, dass die Anliegen, welche die Ukraine dem Ziel der sozialen Umgestaltung des Landes nach den christlichen Werten näher bringen, das nötigeGewicht in den staatlichen und politischen Gremien erhalten.
Dank dieser Infiltrations-Strategie, können immer häufiger Anliegen der Bewegung in konkrete politische Massnahmen und Gesetze umgesetzt werden. Jüngstes Beispiel ist das Gesetz, das die Werbung für Alkohol in der Öffentlichkeit verbietet.
Die führenden Köpfe der Embassy of God sind überzeugt, dass die Inhalte der Bewegung bald mehrheitsfähig sind. Pastor Sunday glaubt, dass in der Ukraine ein Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten z.B. die christlichen Werte vertreten muss, wenn er überhaupt eine Chance haben will, gewählt zu werden. Er selbst habe keine Ambitionen auf ein politisches Amt, sagt Pastor Sunday, gefolgt von seinem typischen lauten, sehr afrikanischen Lachen. Sein Auftrag laute ja, die „Revolution“ weiterzutragen und weitere ex-kommunistische Länder ins Reich Gottes einzugliedern.
Gerichtliche Anklagen
Doch zur Zeit ist daran nicht zu denken. Sunday darf das Land nicht verlassen. Täglich muss er vor Gericht erscheinen. Er ist der prominenteste Angeklagte im Prozess gegen die Firma „Kings Capital“ eines Kirchenmitglieds, die sich in der weltweiten Finanzkrise im Immobilienhandel verzockt hat. Viele Leute auch aus der Embassy of God haben ihr Geld verloren.
Sunday und seine Anhänger bezeichnen die Vorwürfe als falsch und politisch motiviert: Das Politestablishment, das noch nicht im Einflussbereich der Bewegung sei, habe begriffen, dass es die „Revolution der Gutmenschen“ nicht kontrollieren könne. „Deshalb versuchen sie, mich und die Bewegung zu vernichten.“
Seit Wochen ist ein anderes Mitglied der Embassy of God in Untersuchungshaft: Der Leiter der NGO gegen Korruption und Geldwäscherei. Er ist angeklagt, selbst krumme Geschäfte gemacht zu haben.
Eine beträchtliche Anzahl Mitglieder haben die Kirche wegen der „Affären“ verlassen.
Und auch wenn Pastor Sunday dagegen hält, nach wie vor würden mehr Menschen in die Kirche ein- als austreten, steckt die Embassy of God in einer Krise.


„Masterplan“ in Gefahr?
Und die Gefahr besteht, dass Pastor Sunday verurteilt wird. Eine mögliche Strafe ist der Landesverweis.
Die Mitglieder des inneren Zirkels der Embassy of God sind überzeugt, dass das nicht das Ende der Bewegung sein wird: „Wir sind längst viel zu stark, überall zu gut verankert,“ sagt Roman Trokhin, ein anderer der führenden Köpfe der Bewegung mit besten Beziehungen zu den wichtigsten politischen Kreisen des Landes. Der ukrainische Staat sei inzwischen auf die soziale Arbeit der christlich-evangelikalen Bewegung angewiesen. Und: „Ich bin überhaupt nicht abhängig von der Person Sunday Adelaja“, sagt Aliona mit Nachdruck in unsere Kamera.
Die definitive Revolution in der Ukraine und die Fortführung des göttlichen Masterplans über die Landesgrenzen hinaus in die anderen ex-kommunistischen Länder scheint nicht so glatt vonstatten zu gehen wie erwartet. Doch wir sind weit davon entfernt, jetzt triumphierend zu grinsen. Da gibt es in der Ukraine inzwischen gemäss den Angaben der Embassy of God 14’000 Menschen, die dank den Programmen der christlichen Bewegung nicht nur überlebt, sondern heute ein normales und häufig glückliches Leben führen. Es gibt abertausende Menschen, die weiter auf die täglich unentgeltliche Arbeit der Viktors, Nastyas, Marinas, Lubas und Anatolis zählen oder gar angewiesen sind, weil sonst niemand sich um sie kümmert.
Wir müssen uns vielmehr die Frage stellen: Was tun wir eigentlich?
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