Religion Marktwirtschaft

Seit der Aufklärung gilt die Ratio der (liberalen) Marktwirtschaft als eines der vorzüglichsten Mittel für den zivilisatorischen Fortschritt im Zeichen der Vernunft. Mit ihr verknüpft sind aufs engste die Hoffnungen auf Wohlstand und Demokratie und weltweiten Frieden.

Diese Vorstellung ist eine zutiefst christliche. Logisch: die Aufklärer waren tief verwurzelt in der christlichen Kultur und ihren seit Jahrhunderten gültigen Werten. Es ist die Vorstellung einer „gottgewollten Ordnung“, die immer nach einem „natürlichen Gleichgewicht“ strebt.

Ideologie nicht Wissenschaft
Wer glaubt, die Lehrsätze der Ökonomie würden ständig kritisch hinterfragt, der irrt. Seit der Aufklärung haben Wirtschaftstheoretiker immer nur versucht, die Ordnung dieser geltenden Funktionszusammenhänge zu erklären. „Deren Axiome sind weit mehr Ideologie und Glaubensbekenntnis als rational abgeleitetes und empirisch getestetes Grundwissen“ schreibt Heiko Kastner (Max Planck-Institut Inst. für Sozialanthropolgie) in seiner Abhandlung „Die Religion der Marktwirtschaft“. Immer mehr wagen sich, die „heiligen“ Gesetze der Marktwirtschaft kritisch zu begutachten, zum Beispiel Professor Carl Böhret von der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer oder auch der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger und Präsidentenberater Joseph Stiglitz. Er spricht vom Ende des desaströsen Businessmodells und vom Ende „der Ideologie, dass freie, deregulierte Märkte immer funktionieren.“

Neuer Glaube
Für Alexander von Rüstow, Deutscher Soziologe und in den 50er-Jahren einer der Vordenker und Mitbegründer des Neoliberalismus („Ordoliberalismus“) ist der „Geist der Liberalisierung“ schlicht eine „Säkularisierung eines deistisch-stoischen Harmonieglaubens“. Auch die Aufklärung habe es nicht vermocht, den Glauben einer gottgewollten Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft zu überwinden.

Für Heiko Kastner haben die Aufklärer einfach den alten Glauben durch einen neuen ersetzt: „ Es ist der Glaube an die dynamische Kraft des menschlichen Egoismus, der durch die „unsichtbare Hand“ des Marktes den „allgemeinen Nutzen“ mehrt“.

Dieser allgemeine Nutzen ist die Heilslehre der liberalen Marktwirtschaft, wie sie zu jeder Religion gehört: Das natürliche System kommt allen zu gut, es muss nur konsequent genug angewendet werden.

Glaubensbekenntnis
Eine Gruppe namhafter Professoren hat in einem „Manifest Kontrapunkt“ vor einigen Monaten das liberale Marktsystem als unethisch und unmoralisch verurteilt.

Thomas Held vom liberalistischen Think Tank „Avenir Suisse“, versucht in seiner Antwort auf das Manifest, die These von der Marktwirtschaft als Religion zu widerlegen. Er legt dabei allerdings gleich so etwas wie das Glaubensbekenntnis zur herrschenden Ideologie ab:

„Die Marktwirtschaft ist keine Religion, die von uns «gute Taten» verlangt. Sie funktioniert,
wenn jeder seine Eigeninteressen rechtmässig verfolgt. Für die grosse Mehrheit auf der Welt resultiert so mindestens ein wenig Wohlstand und ziemlich viel Freiheit.“

Natürlich ist Held wie auch anderen neoliberalen Intellektuellen nicht verborgen geblieben, dass etwas nicht stimmt, dass zum Beispiel nicht alle von der aktuellen Heilslehre der Globalisierung profitieren, doch sie klammern sich an ihren Glauben, den Galuben an das System, das zumindest langfristig nach dem Gleichgewicht strebt:
„Die Globalisierung ist kein Sonntagsspaziergang. Die Potenzierung der marktwirtschaftlichen Freiheitsgrade führt zu Machtverschiebungen und temporären Ungleichgewichten.“

Der Gleichgewichts-Mythos
Spannend, dass die gleiche pseudo-religiöse Vorstellung einer zum Gleichgewicht tendierenden „natürlichen“ Ordnung auch die Vorstellung der Umweltschützer prägt. Dabei, so belegt der Biologe Joseph Reichholf in seinen bahnbrechenden Studien, dass es das Wesen der Natur ist, NICHT im Gleichgewicht zu sein. Denn ohne Ungleichgewicht gäbe es keine Veränderung, keine Evolution. Speziell dazu Reichholfs Essay: „Leben kämpft stets gegen das Gleichgewicht.“
Dies scheint 1 zu 1 auch für die Wirtschaft zu gelten.

Gläubige einer Ideologie als „Retter“ des Systems?
Spätesten mit dem Zusammenbruch des US-amerikanischen Finanzsystems, müsste diese Ideologie nun definitiv hinterfragt werden. Doch die Rezepte zur „Rettung“ des Systems, welche jetzt fast panikartig und milliardenteuer zusammen gezimmet werden, entstammen wieder demselben liberalistisch-religiösen Gedankengut. Kein Wunder: Ihre Vordenker, wie der US-amerikanische Finanzminister Paulson gehören zur obersten Kaste des „Klerus“ der liberalen Finanzwirtschaft. Stiglitz und die FAZ bezeichnen ihn als „Hohenpriester“ des Finanzsystems.

Ich bin überzeugt, die Paulson und Co. sind wohlmeinend. Sie sind Gläubige der Idelogie der liberalen Marktwirtschaft. Dabei sind sie sogar bereit eines der zentralen Axiome der Ideologie aufzugeben: Die Laisser-faire-Politik. Jetzt sind sie für vermehrte Regulierung, sprich für mehr Kontrolle des Staates, nachdem sie genau das jetzt jahrzehntelang als oberste Sünde verurteilt hatten, weil es eben die natürliche Ordnung störte. Der Markt würde das vorübergehende Problem – sei es Kontinente-weites Elend oder Massenarbeitslosigkeit im Sinne der „höheren Wahrheit“ – schon regeln.

Ideologie verhindert wirklich liberale Lösung
Hat jetzt also das Umdenken zum Guten begonnen? Wohl kaum. Die Rettungspläne entspringen denselben Köpfen, denselben „Gesetzmässigkeiten“. Viel schlimmer noch, das Milliarden-teure Flickwerk steht einer wirklichen Lösung im Weg. Von Rüstow hat das schon in den 50er Jahren erkannt: „Der neoklassische Liberalismus blockiert den Zugang zu einer Problem-adäquaten Wirtschaftstheorie und einer wirksamen Wirtschaftspolitik. Deshalb kann er die Risiken dynamischer Entwicklungsprozesse in komplexen arbeitsteiligen Geldwirtschaften weder erfassen noch vermeiden. Und deshalb kann er auch die im offenen System Wirtschaft liegenden Chancen, die von Liberalen so sehr beschworen werden, nicht ausschöpfen.“

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