Die Davos-Kultur integriert die Islamisten

Abdelilah Benkirane, Premierminister Marokko (Bild: Atlasinfo.fr)

Das World Economic Forum 2012 muss in die Geschichte eingehen: Jetzt gehören die Islamisten auch dazu. Die neuen – gemäss unserer westlichen Sprachregelung – islamistischen Premierminister von Marokko und Tunesien haben am vergangenen Freitag in Davos ihr „Commitment“ zu den „westlichen“ Werten wie Demokratie oder freie Meinungsäusserung abgegeben. Sie sind jetzt auch Teil der „Davos-Kultur“, welche der US-amerikanische Soziologe Peter L. Berger, als die entstehende globale Kultur bezeichtnet – geprägt von westlichen Werten.
Die sogennante „Davos-Kultur“ (nach Samuel Huntingtons „Davos man“) bezeichnet Berger als „das wichtigste Vehikel“ zur Verbreitung der westlichen Elite-Kultur, welche sich trotzdem dem politisch-wirtschaftlichen Aufstieg Asiens und des globalen Südens als gobale Kultur zusehends weltweit durchsetzt.
Zur Davos-Kultur gehören nicht nur diejenigen, die tatsächlich zum Jahresmeeting der Weltelite nach Davos geladen werden, sondern alle die, die davon täumen, eingeladen zu werden, zu dieser globalen Elite zu gehören. Geschafft haben das jetzt als die dank dem arabische Frühling an die Macht gebrachten „moderat-islamistischen“ aus Nordafrika.

Abdelilah Benkirane, Premierminister Marokko

Marokkos neuer „islamistischer“ Premierminister Abdelilah Benkirane hat den Mitglieder der globalisierten Davoser Kulturgemeinde das Rezept verraten, wie man die junge islamschen Extremisten gewinnen könne, die im Westen gemeinhin als grösste Bedrohung empfunden werden: Man müsse sie einbinden („bring the out of the closet“) und dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr marginalisiert werden. Diese Leute könnte gemässigt werden, wenn sie am aktiv am politischen Leben beteiligt werden.
Ganz ähnlich äusserte sich am vergangenen Freitag in Davos der Präsidentschaftskandiat der ägyptischen Muslimbrüder, Abdel Moneim Aboul-Fotouh.

Dies bestätigt die Einschätzungen des renommierten französischen Politologieprofessor und Islamspezialisten Olivier Roy.

Olivier Roy, Politologe Islamspezialist

Er spricht von einer „post-islamischen Revolution“, einer Art Säkularisierung des politischen Islam. Diese Post-Islamisten streben nicht mehr die Sharia an, sondern seien „formatiert“ nach den konservativen westlichen Werten. Ihre Forderungen decken sich weitgehend zum Beispiel mit denen der neo-konservativen Tea-Party-Bewegung in den USA: die traditionelle Familie, gegen Homosexualität, für freie Meinungsäusserung, usw.. Wie die Konservativen im Westen, sehen sich die als Partei der Ordnung. Sie orientieren sich stark an der regierende Partei der so erfolgreichen Türkei, der AKP und deren gesellschaftlich-politischen Rollenverständnis.

Abdel Moneim Aboul-Fotou, Muslimbruder Ägypten

Die Exponenten der neuen, post-islamistischen Machthabr in Nordafrika haben sich in Davos explizit für die die Demokratie und die Marktwirtschaft stark gemacht. Allerdings dürften nicht alle Exzesse des westlichen Liberalismus telquel übernommen werden, sagte zum Beispiel Muslimbruder und Präsidentschaftskandidat Aboul-Fotou: „Jetzt, da wir die jungen Menschen der Occupy Wallstreet Bewegung erlebt haben, wie sie eine Revision des Wirtschaftssystem in Richtung mehr sozialer Gerechtigkeit erlebt haben, müssen wir (in Ägypten) dasselbe tun.“
Und damit durften sich die neuen (post-islamistischen) Mitglieder der Davos-Kultur gleich als Sprecher des neuen Trends der Globalizer-Gesellschaft profilieren.

Olivier Roy hat sich eben erst wieder bei France-Culture erklärt:

Besonders spannend finde ich auch, dass sogar Radio Vatikan, „Die Stimme des Papstes und der Weltkirche“, die neuen Islamisten praktisch in die westliche Gemeinschaft eingemeindet:
„Die Islamisten sind durch die dreißig Jahre verändert worden, in denen sie teils in der Opposition waren, teils auf komplizierte Art und Weise doch an der Macht beteiligt wurden. Sie passen sich so, wie sie heute sind, in ein parlamentarisches System ein: manchmal richtiggehend triumphal wie in Marokko, manchmal doch etwas zögerlich wie in Ägypten. Es sind auf jeden Fall nicht mehr die Islamisten von vor dreißig oder vierzig Jahren. Es geht ihnen nicht mehr um eine islamische Revolution wie im Iran, es geht ihnen auch nicht mehr um einen islamischen Staat oder um die zwangsweise Durchsetzung der Scharia. Natürlich sind sie auch keine Liberalen geworden; eher kann man von konservativen rechten Parteien sprechen, wenn es ums Soziale geht, und von Liberalen, wenn es um die Wirtschaft geht. Nationalisten, die stark die kulturell-religiöse Identität betonen. Aber jedenfalls Parteien, die das Prinzip von Demokratie, Mehrparteiensystem und Verfassung akzeptiert haben.“

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