Radovan Karadzic: AUCH ein guter Mensch?

(Auch eine Antwort auf Martinas Kommentar zum Artikel „Wir sind alle verführbar.“)

Schauen wir dem Menschen Radovan Karadzic in die Augen. Er ist verantwortlich für beispiellose Greuel, unbeschreibliches Elend und Verzweiflung. Und er hat auch viele gute Menschen zu Mördern gemacht. Aber ich muss trotzdem davon ausgehen, dass Radovan Karadzic AUCH ein guter Mensch ist. Ich weiss, das muss ich erklären:

„Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, ….“. So beginnt das Vorwort zum (fiktiven) Lebensbericht von Maximilian Aue im aufwühlenden Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell. Maximilian Aue ist die Inkarnation des Bösen, ein SS-Offizier, ein Masssenmörder. Ganz bewusst stellt er sich gleich zu Beginn mit seinen Lesern auf eine Ebene. Er nennt sie „Menschenbrüder“. Er weiss, dass sich die meisten seiner Leser gegen diesen Uebergriff verwahren werden, aber er zwingt sie/uns auf seine Ebene: „Ich bin wie ihr.“ „Ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich bin ein Mensch wie ihr.“ Max will sich nicht rechtfertigen, er bittet auch nicht um Verzeihung. Er weiss um seine Schuld: „Ich habe die dunklen Ufer überschritten, all das Böse drang in mein Leben, und nichts von all dem kann wiedergutgemacht werden.“ Aber Max sagt seinem Leser, er solle sich nichts einbilden und mit dem Finger auf ihn zeigen: „Wenn ihr in einem Land und in einer Zeit geboren seid, wo nicht nur niemand kommt, um eure Frau und eure Kinder zu töten, sondern auch niemand, um von euch zu verlangen, dass ihr die Frauen und Kinder anderer tötet, dann danket Gott und ziehet hin in Frieden.“
Hier die sehr eindrückliche Lesung des Vorworts von „Die Wohlgesinnten“ im FAZ-Forum:

Der Roman von Jonathan Littell über Max Aue, den Massenmörder, ist eine Anhäufung von Schrecklichkeiten, beschrieben bis in alle Details. Und in Ich-Form. So abstossend die Inhalte sind – und je länger je mehr auch ermüdend; man hat die Botschaft nicht erst am Ende der fast 1400 Seite begriffen – so verstörend die Feststellung: man beginnt sich in Max hinein zu versetzen, man beginnt mit ihm zu fühlen. Man beginnt sich zu fragen, wo hätte Max/ich aussteigen können/müssen? Wie hätte ich gehandelt?. Der jüdisch-stämmige Autor Jonathan Littell, der sich als Ich-Erzähler in die Rolle des SS-Schlächters Max versetzt, hat sein Ziel erreicht, seine Botschaft ist schon längst rübergekommen: „Ich bin wie ihr“.

Es ist für mich nur auf den ersten Blick tröstlich zu wissen, dass ich zu der privilegierten Gruppe von Menschen gehöre, die – dank der liebevollen Erziehung meiner Eltern in behüteten Umständen – eine etwas bessere Chance hat, nicht zum Täter zu werden, wie mir die von Martina in ihrem Kommentar zitierte Psychologin und Philosophin Alice Miller (hat in Basel studiert) versichert:
„Menschen, deren Integrität in der Kindheit nicht verletzt wurde, die bei ihren Eltern Schutz, Respekt und Ehrlichkeit erfahren durften, werden in ihrer Jugend und auch später intelligent, sensibel, einfühlsam und hoch empfindungsfähig sein. Sie werden Freude am Leben haben und kein Bedürfnis verspüren, jemanden oder sich selber zu schädigen oder gar umzubringen.“ Und ganz ähnlich schätzt das ja auch Philip G. Zimbardo im Interview mit der Zeit ein.
Doch ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass ich nicht auch gefährdet bin, selbst zum Täter zu werden, „dem Druck zu widerstehen, dem Gruppendruck, dem Druck der Autorität. …. Ein wichtiger Faktor ist das akzeptierte Sozialverhalten in der Gruppe. Was tun die anderen? Für was wird man belohnt?“ (Zimbardo). Vorallem bin ich weit davon entfernt, Menschen, die zum Beispiel unter den Umständen eines Kriegs und dem, was sie dort erleben, zu Tätern werden.

Ich habe selbst Menschen kennengelernt, die schlecht und böse sind wie Max, die Menschen getötet haben, nicht nur in Notwehr, und ich habe mit Schrecken feststellen müssen, dass ich diese Menschen irgendwie doch gemocht habe, obwohl ich um ihre Taten wusste.

Deshalb muss ich davon ausgehen, dass Radovan Karadzic AUCH ein guter Mensch ist/sein kann.
Genauso wie ich überzeugt bin, dass Max Aue AUCH ein guter Mensch war. Genauso wie Borislav Herak, das „Monster“ von Vogosca/Sarajevo (Bild rechts) AUCH ein guter Mensch ist . Ich weiss, das „Jasna’s Goran“ („Krieg im Kopf“) ein guter Mensch ist, obwohl er daran zugrunde geht, was er im Krieg getan hat, und ich weiss, dass Ramush Haradinaj, der UCK-Kommandant, ein guter Mensch ist, auch wenn er mit grosser Sicherheit für Unakzeptables, was im Kosova geschehen ist, zumindest verantwortlich ist, auch wenn ihn das Haager Kriegstribunal mangels Beweisen freigesprochen hat.
Und ich weiss, dass ich selbst ein guter Mensch bin, aber ich muss für mich akzeptieren, dass ich – unter anderen Umständen und trotz guten familiären und gesellschaftlichen Voraussetzungen – auch fähig sein könnte, abgrundtief Böses zu tun. Auch ich könnte in Den Haag angeklagt sein.

Es geht nicht darum, sich einfach zurückzulehnen und den Umstand zu akzeptieren, dass wir Menschen „im Kern halt einfach böse“ sind. Es gibt keine Entschuldigung (oder „Vergebung“) für die Bösen (Max sucht sie auch nicht), sie müssen Rechenschaft ablegen für das, was sie getan haben, sie sollen dafür bestraft werden. Es geht auch nicht darum, sich einfach aus der Verantwortung zu stehlen, weil wir Menschen „halt so sind und nicht anders können“. Im Gegenteil: Es ist unsere Verantwortung, alles in unseren Möglichkeiten Stehende dazu beizutragen, dass Menschen nicht in die Situation kommen, Böses zu tun.

This entry was posted in das Böse, Gewalt, Krieg, Täter. Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.