England sozial fortschrittlicher als die Schweiz?

Die Schweiz ist das drittfortschrittlichste Land der Welt. Dieses auf den ersten Blick erfreuliche Resultat zeigt der Social Progress Index (SPI), der von Wissenschaftlern rund um Harvardprofessor Michael Porter mitte April erstmals präsentiert wurde.Der zweite Blick lässt einen aber die Stirn runzeln: Schweden auf Platz 1? Okay, kann sein. Die Schweiz auf Platz 3? Das entspricht auch noch einigermassen unsern Erwartungen. Aber Grossbritannien vor der Schweiz auf Platz 2? Da werden Zweifel wach.

Beim dritten Blick erkennt man schnell, wo das Problem liegt: Die (meist amerikanischen) Macher des Index wissen nicht, wie unser Bildungssystem funktioniert und was es ausmacht (Berufslehre und akademisches Studium). Der Zugang zur Hochschulbildung gilt ihnen als zentrales Bewertungskriterium für den dritten Parameter ihres Messbereichs „Opportunities“ („Möglichkeiten“, „Chancengleichheit“).  Aufgrund der Unkenntnis der SPI-Macher schneidet die Schweiz  in diesem Bereich schlecht ab. Nur Rang 16 von den 50 bewerteten Ländern. Was defacto – und auch in der Wahrnehmung von immer mehr Aussenstehenden – eine der ganz grossen Qualitäten der Schweiz ist, eben das duale Bildungssystem, wird hier als Schwäche abgebildet.Bei den andern beiden Hauptindikatoren des Index für den sozialen Fortschritt, schneidet die Schweiz sehr gut ab: Wir sind Weltnummer 1 beim Bereich „Foundation of Well-Being“ („Grundlagen des Wohlbefindens“), bei welchem der Zugang zu Grundlagenwissen (Basic Knowledge) und Information und Gesundheit und Umwelt bewertet werden.
Nur die Nummer 4 ist die Schweiz (aber auch hier besser abschneidend als Schweden) beim Bereich „Basic Human Needs“ („Grundbedürfnisse“): Luft, Wasser und Ernährung. Negativ zu Buche schlägt in dieser Kategorie erstaunlicherweise der Indikator Wohnen. Zu den „Basic Human Needs“ gehört auch die „Persönliche Sicherheit“. Hier ist die Schweiz weltweit am besten bewertet.
Und dann eben nur Platz sieben im Bereich „Opportunities“ mit dem (falschen) negativen Ausreisser „Hochschulzugang“.

Insgesamt wäre die Schweiz ohne die Bildungslücke der SPI-Macher mindestens auf Augenhöhe mit Schweden, aber mit Sicherheit vor Grossbritannien.Der Fortschrittsindex der Wissenschaftler um den Management-Guru Porter weist nicht nur bezüglich Schweiz offensichtliche Schwächen auf. Ruandas Platzierung im hintern Mittelfeld der afrikanischen Staaten ist Beleg dafür, dass der Index noch nicht wirklich ausgereift ist. Ruanda ist heute nicht zuletzt im Bereich des Bildunsgzugangs und der persönlichen Sicherheit DAS Vorzeigeland Afrikas.Von der Prognose Professor Porters bei der Präsentation des Forschrittsindexes Mitte April beim SkollForum in Oxford, man brauche sich nicht zu wundern, wenn bald niemand mehr über das Bruttosozialprodukt rede, sind wir noch weit entfernt.
Man darf allerdings zuversichtlich sein, dass die Entwickler des SPI die Messmethoden und Indikatoren weiter verbessern werden und den Index zu einem wirklich brauchbaren Mittel zur Beurteilung des Wohlbefinden der Bevölkerung eines Landes weiterentwicklen werden – als Ergänzung zum bisher alleingültigen Masstab, des Bruttosozialprodukts (GNP), welche nur wirtschaftliche Faktoren benutzt und damit zu kurz greift.

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