Globalisierte Kultur – westlich. Zunehmend.

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Wir erleben zur Zeit das „Ende des amerikanischen Zeitalters„, das Ende der westlichen Dominanz. China ist unterwegs zur wirtschaftlichen Nummer 1. Doch die Mehrheit der Geostrategen geht davon aus, dass jetzt nicht einfach das chinesische oder asiatische Zeitalter anbricht. Die Welt werde vielmehr künftig multipolar oder pluralistisch sein.

Was aber ist mit der Kultur? Wird sie jetzt auch multipolar?

Der US-amerikanische Soziologe Peter L. Berger stellt in seinem Essay „The Cultural Dynamics of Globalization“ zunächst fest, dass man bisher noch nicht von einer wirklich globalen Kultur sprechen konnte. Jetzt seien wir aber definitiv dahin unterwegs. (Der in Wien geboren Starsoziologe versteht Kultur – natürlich – im soziologischen Sinn: Glaube, Werte und Lebensstil (Lifestyle) im Alltag gewöhnlicher Leute.) Und diese „emerging globale culture“ werde stark amerikanisch geprägt sein.
Die amerikanische (westliche) Kultur sei zwar „not the only game in town„, aber „das grösste Spiel, das im Gange ist“. Und das werde auch so bleiben, soweit man die Zukunft heute voraussehen könne.

Ein Widerspruch? Wir erleben gleichzeitig das Ende der westlichen-amerikanischen Dominanz im Berich Wirtschaft/Politik und gleichzeitig den Durchbruch des Amerikanismus zur globalen Kultur. Kein Widerspruch, sagt der in Australien lehrende chilenische Historiker Claudio Veliz. Wir erleben zur Zeit die „Hellenistische Phase der anglo-amerikanischen Zivilisation“. Die im Hellenismus relevante Welt sei auch erst wirklich „griechisch“ geworden, als Griechenland keine imperiale Macht mehr war.
Damals wie heute, schreibt Berger, ist die Sprache der entscheidende Faktor bei der Verbreitung einer Kultur. Das wichtigste Vehikel war Koine, die griechische Basissprache.

Globale Sprache Englisch
Die Sprache der globalen Kultur ist das Englische in seiner amerikanisierten Form. In einer globalisierten Welt, in der Brasilianer mit Chinesen oder Deutsche mit Afrikanern kommunizieren, braucht es einfach eine gemeinsame Sprache. Und diese Lingua Franca ist englisch. Sogar innerhalb einzelner Länder benutzen Angehörige unterschiedlicher Sprachen immer häufiger das Englische als gemeinsame Sprache. Zum Beispiel in der Schweiz.

Berger unterscheidet zwei Schienen, auf der die globale Kultur verbreitet wird:
A) Elite-Kultur
B) Populär-Kultur
Die Sprache verbreitet sich über beide Wege.

A) Elite-Kultur
1. Die Davos-Kultur:
Das wichtigste Vehikel zur Verbreitung der westlichen Elite-Kultur ist das, was Samuel Huntington, Co-Autor von Bergers Buch „Many Globlizations“, als „Davos-Kultur“ bezeichnet.
An diesem wichtigsten Weltwirtschaftsgipfel trifft sich jährlich die Spitze der internationalen Politik und Wirtschaft. Die „Basis-Maschine“ dieser Davos-Kultur, schreibt Berger, ist das internationale Business – „die Maschine, die auch die wirtschaftliche und technologische Globalisierung antreibt.“
Diese Kultur besteht aber längst nicht nur aus denen, die nach Davos eingeladen werden, sondern auch aus all jenen, die davon träumen, einmal dorthin eingeladen zu werden. Davon gebe es Millionen, schreibt Berger, eine Art „Yuppie-Internationale“. Ihre Mitglieder sind weltweit gleich angezogen, bei der Arbeit und in der Freizeit, sie verhalten sich alle sehr ähnlich und denken sogar ähnlich. Und sie sprechen alle fliessend englisch.

2. Die Intelligenzia:
Mit „westliche Intelligenzia“ bezeichnet Berger ein zweites wichtigstes Vehikel zur Verbreitung der globalen Elite-Kultur. Sie überschneidet sich in Teilen mit der Davos-Kultur. Zu dieser Intelligenzia gehören akademische Netzwerke (Forscher, Wissenschaftler, etc.), Stiftungen, die NGOs (nongovernmental organizations) und immer mehr staatsübergreifende Institutionen und Organisation (die UNO und alle ihre Unterorganisationen, die Weltbank, etc.). Sie schaffen weltweit eigene „Märkte“. „Die Produkte, die sie propagieren sind Ideen und Verhaltensweisen, die von westlichen Intellektuellen erfunden wurden“: Menschenrechte, Umweltschutz, Multikulturalismus oder Feminismus. Und mit diesen „Ideologien“ verbreitet sich auch das dazugehörige politische Verständnis und der Lebensstil.

Für mich gehört zu dieser Intelligenzia auch die internationale Gemeinde der klassischen Kultur (Künstler, Schauspieler, Musiker, Architekten, etc.), auch wenn sie von Berger nicht genannt wird.

Die Mitglieder all dieser elitären Gruppen aus Business und Intelligenzia sind ständig unterwegs, sie fliegen von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent. Sie sind die „Globalizers“. Dabei leben sie aber in einer künstlichen Blase, schreibt Berger, „einer geschützten Blase, die sie vor jedem echten Kontakt mit der lokalen Kultur abschirmt, während sie diese aber gleichzeitig beeinflussen.“ „Diese Blase schützt die Globalizer auch davor, an dem was sie tun, zu zweifeln.“ Die Welt dieser globalen Elite ist meist klimatisert. Die Speisekarten in den Restaurants, die sie besuchen, bieten überall dasselbe, kokett garniert mit Lokal-Exotischem. Die Menschen, die sie vielleicht an der Hotelbar zufällig treffen, gehören zur selben Gesellschaft, geniessen mit demselben Selbstverständnis dieselben Privilegien und vertreten selbstverständlich dieselben Werte und Ideologien, die ihnen diese Privilegien weiter garantieren.


B) Populär-Kultur

Sichtbarste Manifestation und wichtigster „Promoter“ der entstehenden globalen Kultur ist für Berger die populäre Kultur. Propagiert und verbreitet wird sie durch multinationale Unternehmen aller Art (von Adidas über McDonald’s oder Microsoft und Nokia bis zu Disney und MTV). Die Produkte dieser global präsenten Unternehmen sind omnipräsent in allen Gesellschaftschichten. Die populäre globale Kultur erreicht die breiten Massen.

In Ergänzung zu Bergers Publikationen, aber inhaltlich kongruent, möchte ich diese populäre Kultur noch differenzieren und weiter ausführen:

1. Konsumgüter:
Träger der globalen Kultur sind also nicht zuletzt die Konsumgüter. Diese durchdringen die Gesellschaften des Südens nachhaltig bis in den letzten Slum; sie sind inzwischen längst zur lokalen Kultur geworden, die niemand mehr als fremd empfindet. CocaCola, Hamburger, Jeans oder Baseballmützen sind Manifestationen dieser glokalisierten Kultur.
Aber diese Produkte sind eben nicht einfach nur materielle Güter. Sie transportieren gleichzeitig auch Inhalte, Werte und einen Lebensstil. Ein aktuelles Beispiel dafür ist das Messi-T-Shirt. Das Konterfei des Fussballidols aus Argentinien/Spanien tragen Jugendliche in den Slums von Rio über Nairobi bis Mumbai auf ihrer Brust. Sie wollen sein wie er.
Zu den globalen Konsumgütern gehören auch die Mobiltelefone. Noch die ärmste Frau in den Slums von Accra hat ein Mobiltelefon. Häufig sogar mehr als eins. Es mag kein fliessendes Wasser in den Häusern haben, keinen Strom, aber ein Signal für die mobile Telefonie gibt es immer, überall.

Mit nichts kann man einem Slumbewohner eine grössere Freude machen, als mit einem Modell eines Mobiltelefons, das auf dem lokalen Markt nicht erhältlich ist. Die Mobiltelefone sind Ausdruck der Teilhabe an der Moderne, des Dazugehörens, selbst wenn den Leuten meist das Geld fehlt, die Statussymbole zu nutzen, weil sie nicht das Geld haben, die spottbilligen Nutzungstarife via Prepaid-Kredite zu kaufen, die die Strassenhändler überall anbieten. Die Mobiltelefone sind aber nicht zuletzt auch die Manifestation eines zentralen Faktors der westlichen Kultur: des Individualismus.

2. Medien

Kaum überschätzt werden kann die Rolle der Medien bei der Verbreitung der populären (westlichen) Kultur. Nicht zuletzt die dazugehörige Technologie und vor allem das Internet spielen eine überragende Rolle (auch wenn natürlich das Internet theoretisch auch zur Verbreitung nicht-westlicher Kulturgüter geeignet ist).
Via die Online-Medien erreicht die westliche Kultur die Massen sogar in Weltregionen, wo die Obrigkeit diese Verbreitung zu verhindern versucht. Die Informationen sind grenzenlos, ihre Inhalte aber meist westlich geprägt. Sie vermitteln nicht nur häufig die westliche Weltsicht, sondern – viel wichtiger – den westlichen Lebensstil: Individualsimus, Konsumerismus, etc..
Selbst nicht westliche Medienanstalten wie zum Beispiel AlJazeera oder türkische und asiatische Medienhäuser, vermitteln durch ihre Produkte die „modernen“, im Grunde aber westlichen Werte, auch wenn ihre Inhalte sich vermehrt an regionalen Interessen der Kosumenten organsieren.
Amerikanische Soaps werden auf fast allen TV-Kanälen dieser Welt gespielt. Noch häufiger beeinflussen von südlichen Medienunternehmen selbst produzierte Soaps die Lebensstile der Menschen. Wobei sich diese brasilianischen, indischen, türkischen oder afrikanischen Soaps maximal an ihren amerikanischen Vorbildern orientieren und im Wesentlichen das Leben der aufstrebenden neuen Mittelschichten des Südens zeigen, die sich ganz am westlichen Lebensstilen orientieren.

3. Religion. Das neue Christentum.

Bei uns im Westen – und speziell in Europa – noch kaum wahrgenommen, spielt das neue Christentum, der evangelikale Prostestantismus eine immer wichtigere Rolle in der kulturellen Globalisierung, der zunehmenden Durchdringung der Welt mit im Grunde westlichen Werten. „Der evangelikale Protestantismus,“ schreibt Berger, „speziell in seiner pfingstkirchlichen Version, ist die wichtigste Volksbewegung und dient als (mächtiges) Vehikel zur kulturellen Globalisierung.“
Die Anzahl der evangelikalen Kirchen und ihre Mitgliederzahlen im globalen Süden explodieren zur Zeit nachgerade. Die neusten Prognosen gehen zum Beispiel davon aus, dass bis in nicht einmal zehn Jahren (2020) mehr als die Hälfte aller Brasilianer Mitglieder in evangelikalen Kirchen sein werden. Die Pfingstbewegung ist inzwischen die am schnellsten wachsende Kirche der Welt, mit unglaublichen Zuwachsraten nicht nur in Südamerika und Afrika, sondern auch in Asien und dort nicht zuletzt in China.
Diese neuen evangelikalen Kirchen sind perfekt aufgestellt für die Globalisierung: individualistisch, global, multimedial, konservativ. Und sie verbreiten im Grunde die alten protestantischen Werte: Disziplin, Arbeit, Familie, Eigenverantwortung.

Dazu bald mehr hier auf Contextlink.

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