Brasilien an einem Wendpunkt

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Bild: Rio de Paz

Wir sassen am 21. Juni in einer der sehr szenigen Beizen in Santa Teresa in Rio de Janeiro, während die Polizei nur knapp einen Kilometer weiter in der „Lapa“, dem In-Quartier im Zentrum Rios, massiv gegen meist jungen Demonstranten vorging.

Bar da Mineiro, Santa Teresa Rio de Janeiro 20. Juni 2013

Bild Contextlink: Bar da Mineiro, Santa Teresa Rio de Janeiro 20. Juni 2013

Die wüsten Szenen waren auf auf dem unvermeidlichen Fernseher im hintern Teil des auch bei Einheimischen sehr beliebten Lokals (Bar do Mineiro) live zu sehen. Doch niemand schien sich für die Ereignisse in unmittelbarer Nähe zu interessieren. Und auch als die Staatspräsidentin Dilma Rousseff sich in einer kurzen Fernsehansprache an die Bevölkerung wandte, hat niemand wirklich hingeschaut. Ich bat den Kellner, den Ton laut zu stellen, damit man hören könne, was die Präsidentin zu sagen hat. Aber er hat mit einer abschätzigen Handbewegung abgewinkt: „Das interessiert doch niemanden.“

Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Das Desinteresse dürfte eher einer Verunsicherung und Ratlosigkeit der meisten Brasilianer geschuldet sein, die sie in den ersten Demotagen dem überraschenden Phänomen der plötzlich aufbrandenden, landesweiten Proteste empfunden haben.
Inzwischen unterstützen gemäss einer Umfrage der grössten Tageszeitung des Landes, Folha, vom vergangenen Wochenende 8 von 10 Brasilianern  die Proteste.

Rio de Janeiro Zentrum 21. Juni 2013

Rio de Janeiro Zentrum 21. Juni 2013

Brasilien hat aufregende Tage erlebt in den letzten Junitagen 2013, in der Zeit, in der wir dort waren.
Die Brasilianer wundern sich über sich selbst. Die Demonstrationen, ausgelöst durch eine an sich geringe Preiserhöhung im öffentlichen Vekehr, hat einer grossen Mehrheit der Bevölkerung plötzlich ins Bewusssein gerückt, dass sie eigentlich mit ihrer Unzufriedenheit über die Situation nicht allein ist und vor allem, dass man sich mit dieser Situation nicht einfach irgendwie zu arrangieren hat.

Allgemeine Politikverdrossenheit und Unzufriedenheit
Die landesweit immer wieder aufflackernden Proteste sind Ausdruck einer allgemeinen Politikverdrossenheit, die unterschwellig schon lange unter einem Deckel von stolzem Nationalismus und Konsumrausch geschwehlt hatte. Längst geht es nicht mehr nur um die Preiserhöhungen oder die Millardenausgaben für die Fussball-WM im nächsten Jahr.

Rio de Janeiro, Urugaiana 20. Juni 2013

Bild Contextlink: Rio de Janeiro, Urugaiana 20. Juni 2013

Die Brasilianer fragen sich heute: Warum haben wir nicht schon früher aufbegehrt gegen die unhaltbare Situation und gegen das dafür verantwortliche Politestablishment, zu dem längst auch die regierende Arbeitpartei (PT) von Präsidentin Dilma gehört.
Alle anerkennen die grossen Fortschritte, die auch dank der mutigen Politik der Arbeiterpartei unter dem charismatischen (Ex-)Präsidenten Lula da Silva gemacht wurden, die rund 40 Millionen Brasilianer aus der schlimmsten Armut zumindest in eine prekäre Mittel-Klasse geführt hat, die sich heute nicht nur einen Fernseher und zwei Handies leisten kann, sondern vielleicht sogar ein Auto – wenn auch häufig auf Pump. Zumindest reicht es für die Maniküre oder das Fitnessstudio oder gar für eine Schönheitsoperation.

„Es muss sich etwas ändern“
Doch daran hat man sich gewöhnt. Man empfindet einen berechtigten Anspruch auf eine gewisse Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg Brasiliens in den letzten Jahren. Nur noch die Älteren erinnern sich an die Zeiten der Miltärdiktatur und schätzen den allgemeinen „Fortschritt“.

Obdachloser Rio de Janeiro Juni 2013

Bild Contextlink: Obdachloser Rio de Janeiro Juni 2013

Die Meisten erleben und sehen täglich die wachsenden Probleme: Das Leben wird immer teurer, die Verkehrssituation ist unmöglich, die Kriminalitätsrate hoch, das Gesundheitswesen schlecht, usw.. Gleichzeitig werden einige Wenige immer noch reicher und in der Politik jagt ein Korruptionsskandal  den andern.

Bild Rio do Paz: PR Anti-Fussball-WM Brasilien

Bild Rio do Paz: PR Anti-Fussball-WM Brasilien

Plötzlich ist sogar das scheinbar Unantastbare in der Kritik: der Fussball. Nicht nur die Studenten an den häufig schlechten Universitäten finden die Ausgaben für die Fussball-Weltmeisterschaft nächstes Jahr skandalös angesichts der mangelnden Mittel für die soziale Wohlfahrt.

Ratlosigkeit über praktische Auswirkungen
Die Brasilianer reiben sich die Augen, aber man ist sich einig in der Wut auf  die Probleme und auf das Establishment, das für die unmöglichen Zustände verantwortlich ist. Und alle sagen: „Es muss sich etwas ändern“. Gleichzeitig herrscht aber grosse Ratlosigkeit: Was genau soll sich ändern? Wie soll es weitergehen? Weiter protestieren? Streiken? Mal zuwarten und sehen, was die Politik jetzt unternimmt?

Die Studenten an der staatlichen Universität in Rio (UFRJ), mit denen wir am Rande unserer Dreharbeiten für unsern Dokfilm „Kreuzzug“ reden konnten, sind frustriert und besorgt. Sie befürchten, ihre Protestaktionen würden vom politischen Establishment, den Parteien, den Kirchen, etc. vereinnahmt.
Tatsächlich hat die Politik und insbesondere Präsidentin Dilma geschickt auf die Proteste reagiert. Die Proteste seien meist berechtigt und ein Zeichen für die funktionierende Demokratie des modernen Brasiliens. Die Regierung hat dafür gesorgt, dass die Sicherheitskräfte, die zunächst traditionsgemäss heftig repressiv, haben sich inzwischen meist zurückhalten und sich nicht von jeder trittbrettfahrenden Chaotengruppe provozieren lassen. Vor allem aber legen Regierung und Parlament plötzlich einen Reformeifer an den Tag und überrascht alle.

BNsJ5EICYAAPG7YEs ist abzuwarten, was wirklich an Veränderungen kommt, aber man kann sicher heute schon sagen: die vergangenen Junitage werden eine nachhaltige Wirkung haben in und auf Brasilien. Und damit dürfte auch das grosse Defizit, das die Protestbewegung in Brasilien analog zu ähnlichen Bewegungen in andern Ländern hat, auch nicht so schlimm sein, wie das einige Beobachter befürchten: Die fehlende Organisation, die Integration ins politische System, indem nun mal die Veränderungen beschlossen werden. So sehr sie die Vereinnahmung ihrer Initiative durch „das System“ befürchten, so sehr ist den Studenten an der Universität bewusst, dass ihre Position ausserhalb des Systems gleichzeitig auch ihre Schwäche ist.

Kritik an den Medien
Zum „System“, zum Establishment, gehören für die Studenten auch die Medien. Sie sind überzeugt, dass sie im Dienste des korrupten Establishments stehen. Tatsächlich war die Berichterstattung in den Medien über die Proteste sehr dünn. Wenn überhaupt berichtet wurde, dann sehr einseitig nur über die relativ wenigen Ausschreitungen weniger Chaoten.
Bildschirmfoto 2013-07-03 um 23.20.54Doch die Studenten und die ganze Protestbewegung sind auch in Brasilien längst nicht mehr abhängig von den kommerziellen, traditionellen Medien. Sie informieren selbst, unabhängig, via die Social Media, via Facebook, Youtube und „Torpedos“ wie man in Brasilien die SMS nennt. Ãœber diese eigenen Kanäle werden nicht nur die Mitprotestierer zu den Demos aufgeboten, sondern es wird auch ausführlich über die Ereignisse berichtet. Unzählige Videos dokumentieren zum Beispiel die Ãœbergriffe der Polizei zu Beginn der Proteste.

Auswirkungen auf die Präsidentschaftswahlen 2014
Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich die Situation entwickelt, ob die Proteste als Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit einer breiten Mehrheit der Bevölkerung wirklich Auswirkungen auf die Politik haben und greifbare Veränderungen bewirken. Nächstes Jahr finden kurz nach der Fussball-WM Päsidentschaftswahlen in Brasilien statt. Bildschirmfoto 2013-07-03 um 23.27.05Die Popularitätswerte der bis vor kurzen sehr beliebten Präsidentin Dilma Rousseff sind nach den Unruhen Ende Juni dramatisch abgestürzt, obwohl sie sich nach einigen Zögern unterstützend geäussert hat und den anstehenden Reformprozess im Parlament überzeugend initiiert hat. Die 30 Prozent Unterstützer, die sie zur Zeit nur noch hat, dürften aber ein Momentanbild und mehr ein Ausdruck der allgemeinen Politiverdrossenheit sein, als wirklich persönlich auf die Person der ehemaligen Untergrundkämpferin gegen die Militärdiktatur gemünzt. Es hat bei den Demos auch nie Plakate oder Slogans gegen Dilma, wie sie in Brasilein von allen genannt wird, gegeben.

Zugelegt hat in den jüngsten Umfragen Marina Silva, die auch in Europa als Umweltaktivisten für den Regenwald bekannt ist. Sie könnte sich zu einer für Dilma gefährlichen Konkurrentin entwickeln. Längst ist aber auch Marina ein moderates Mitglied des herrschenden Polit-Establishments. Aber auf der Suche nach einer Alternative scheint sie heute nicht mehr so chancenlos, wie noch vor einigen Wochen.

Marina Silva, Präsidentschaftskandidatin

Marina Silva, Präsidentschaftskandidatin

 

Die Rolle der neuen religiösen Bewegungen
Marina verfügt über einen andern, ausserhalb Brasiliens kaum bekannten Trumpf: Sie ist bekennende Evangelikale, Teil der sehr einflussreichen religiösen Bewegungen der neuen evangelikalen Kirchen, welche via ihre Pastoren inzwischen über eine elektorale Macht verfügen, die noch grösser ist, als ihre statistisch nachgewiesene Stärke: Heute sind bereits 22.5 Prozent der Bevölkerung Mitglieder der neuen christlichen (Pfingst-)Kirchen in Brasilien. Alle Kandidaten für die Präsidentschaft werden um die Stimmen der Evangelikalen buhlen. Inzwischen kann in Brasilien wohl kein Präsident mehr ohne die Unterstützung der Evangelikalen gewählt werden kann.

Pastor Antonio Carlos Costa, NGO "Rio de Paz"

Pastor Antonio Carlos Costa, NGO „Rio de Paz“

Und entgegen der öffentlichen Wahrnehmung scheinen die Evangelikalen auch eine wichtige Rolle in den jüngsten Protesten zu spielen. Eine der initiativsten Gruppen, welche die Proteste lanciert haben, ist die NGO „Rio de Paz“.
Der „Direktor“ dieser Menschenrechts-NGO ist der bekannte Evangelikale Pastor und Theologe Antonio Carlos Costa und die meisten Mitglieder seiner Organisation sind junge Evangelikale. Um nicht disqualifiziert und von den Medien schubladisiert zu werden, funktionieren sie unter dem Label einer unabhängigen NGO. Tatsächlich aber ist Rio de Paz eine religiös-christliche Menschenrechts-Organisation. Das heisst keineswegs, dass ihre Forderung nicht richtig und wertvoll sind, aber es zeigt, welch zentrale Rolle die evangelikale Bewegung heute in Brasilien spielt.

Affaire suivre.

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