Kampf um Aufmerksamkeit für Afrika

George Clooney in Südsudan (Bild Enough Project)
In diesem Beitrag geht es um PR. Ich erlaube mir deshalb, eines der besten PR-Mittel für ein Publikation voranstellen:
Dieser Post ist nicht geeignet für unter 18-Jährige.
Ich habe selber schmerzhaft erfahren müssen, wie schwierig es ist, in einem Mainstream-Medium eine „Geschichte“ aus Afrika zu platzieren.

Welche Redaktion ist denn heute noch bereit, eine lange, teure Reise eines ihrer Inhaltsproduzenten zu finanzieren für ein Produkt, das die wenigsten Konsumenten interessiert – oder sie gar abschreckt. Wer will schon etwas erfahren über die Hintergründe der wenigen News aus Afrika, die es in das tägliche Angebot der internationalen Newsagenturen schaffen, aus denen die Blattmacher und Produzenten ihre Zeitungen, Sendungen oder Sites füllen.
Um überhaupt in die Auswahl zu gelangen, müssen Themen aus Afrika „besonders“ sein: Besonders exotisch, besonders schrecklich, etc..
Leute, die sich berufen fühlen, Informationen aus Afrika irgendwie zu den Konsumenten im Westen/Norden zu bringen oder solche, die einfach davon leben, müssen sich immer neue Wege und Formen ausdenken, um die nötige Aufmerksamkeit für ihre Botschaften und „Geschichten“ zu erheischen.
Promis als Botschafter.
Die Liste von Stars aller Branchen und Niveaus, die sich für irgendwelche Hilfsprojekte und engagieren, ist lang.

Scarlett Johannsen in Kenia 2011 (Bild: Oxfam)

Von Roger Federer bis zu Angelina Jolie oder Bono oder Scarlett Johannsen oder … Einer der Glaubwürdigsten ist für mich zur Zeit George Clooney . In diesen Tagen verbindet er die PR für seinen neusten Film „The Ides of March“ mit der PR für das Satellite Sentinel Project (SSP). Die Satelliten des Clooney-Projekts liefern laufend Bilder der Situation im Bürgerkriegsgebiet des Sudan. Es kombiniert die Analyse von Satellitenfotos und Erfahrungsberichte von Leuten vor Ort mit Google’s Map Maker Technologie.

Nackte Haut
Der belgische „Visual Artist“ und Filmemacher Nicolas Provost nutzt für seinen Migranten-Film „Invader“ ein altbewährtes PR-Mittel: Nackte Haut. Erstaunlicherweise weisse Haut. Dies wirkt. Nicht zuletzt auch in Afrika.
Die Eröffnungsszene spielt an einem der Strände der Flüchtlingsinsel Lampedusa zwischen Europa und Afrika. Eine Gruppe von nackten Weissen – vor allem eine schöne Frau (das belgische Model Hannelore Knuts) – beobachtet eine Gruppe von schiffsbrüchigen Afrikanern, die sich ans Ufer retten.

Es sei ihm darum gegangen, die Eingangsszene wie einen „Werbespot für das moderne Europa“ aussehen zu lassen, sagte Provost am Filmfestival von Venedig 2011. 
Das scheint mir ziemlich absurd, aber auch bei mir hat es funktioniert: ich habe mir nicht nur die schöne Frau angesehen, sondern mich auch mit der Thematik auseinandergesetzt: Das weiterhin ungelöste Drama der Mensche von südlich der Sahara, die irgendwie nach Europa zu gelangen versuchen.

Ob ich den Film sehen werde, ist allerdings zweifelhaft. Schon weil er wohl kaum in unseren Kinos gezeigt werden wird.
Exotik mit heimischem Bezug
Die allermeisten Filme aus und über Afrika, die das Schweizer Fernsehen zeigt, haben einen Schweizer Bezug. Es sind fast ausschliesslich Porträts von Schweizern, die in Afrika an exotischen Ort (Dschungel, Slums, usw.) Gutes oder sonstwie Besonderes tun. Man könnte dies den Lotti Latrous-Effekt nennen.
Persönliche Betroffenheit
Das wichtigste Mittel, die Aufmerksamkeit der Konsumenten zumindest für ein paar Minuten zu gewinnen und ihre Gleichgültigkeit gegenüber Afrika zu überwinden, ist persönliche Betroffenheit. Früher hat Mitleid geholfen – grosse, traurige Kinderaugen, aufgequollene Hungerbäuche, etc..

Heute muss das viel direkter sein. Geradezu klassisch ist die Kampagne „Blood in your Mobile“, wie sie von verschiedenen Organisationen seit einigen Jahren gefahren wird: In dem Handy, das heute jeder Tagesschau-Konsument oder BlickamAbend-Leser in der Tasche hat, stecken Metalle, die aus dem Bürgerkriegsgebiet des Ostkongo stammen.  Dank diesem persönlichen Bezug, dem schlechten Gewissen, ist ein Teil der Informationskonsumenten offenbar bereit, seine Aufmerksamkeit einen Moment den katastrophalen Verhältnissen im Ostkongo zu widmen.

Und seit die PR-Strategen die Coltan-Story (richtigerweise) mit der Story der systematischen Vergewaltigung von Frauen im Kongo in Verbindung bringen konnten, erhält der Kivu vor allem in den USA eine gewisse Beachtung.

Der beste Indikator für die Marktfähigkeit der Story ist die Anzahl der Promis, die auf die Thematik aufspringen.
Doch die Halbwertszeit dieser Aufmerksamkeit ist klein. Es muss ständig nach- und vor allem zugelegt werden. Ein noch engerer Bezug, unmittelbarere Betroffenheit, persönliche Identifikation ist zwingend. Ein neues Produkt der Coltan/Vergewaltigungs – Kampagne treibt diesen Zwang auf die Spitze: Er begnügt sich nicht damit, Frauen aus dem Kivu das Horrorerlebnisse ihrer Vergewaltigung detailreich nachzuerzählen. Diese Strategie will uns Westler zwingen, uns selbst in die Situation der Opfer zu versetzen. Vorsicht: Das Video „Unwatchable“ verdient seinen Namen:

Die Betroffenheit ist bei allen gross, die den Film sehen. Einige sind empört.
Tatsächlich kann man darüber streiten, ob die Menschenrechts-Aktivisten und ihre PR-Spezialisten nicht zu weit gegangen sind.
„Müssen wir uns eine Vergewaltigung in England ansehen, um eine Vergwaltigung im Kongo zu verstehen?“ fragt Natasha Elkington im Reuters-Blog „Alertnet“.

Den inhaltlich Schockierten hielt die kongolesische Filmemacherin Shana Mongwana, nachdem sie den Film gesehen hatte, entgegen: “Im Vergleich zu den Zeugnissen, die ich gehört habe, ist der Film sehr sehbar. Er kommt nicht einmal in die Nähe dessen, was dort (im Ostkongo) wirklich geschieht.“ Sie sei sich nicht sicher, ob der Film eine gute Herangehensweise an die Thematik sei, „aber wenn diese Art von Schockfilm hilft, die Leute auf das Problem aufmerksam zu machen, werde ich den Film sicher nicht verurteilen.“

Der Kurzfilm wird wohl kaum in der Tagesschau zu sehen sein. In der heutigen Medienwelt viel wichtiger ist, dass er via die Social Media (Facebook, Blogs – wie dieser) verbreitet wird. Wir Weiterverbreiter können darauf zählen, dass wir mit diesem Post Aufmerksamkeit und vielleicht sogar die begehrten Feedbacks erhalten. Wir profitieren von demselben Effekt, den auch die Autoren suchen: Der Schock- oder gar Peep-Effekt.
Spätestens hier wird es problematisch: Man kann bezweifeln, ob die eigentliche Botschaft überhaupt noch rüberkommt. Bewirkt er etwas? Und wenn ja: wie lange hält der Effekt?
Und was kommt danach? Was ist die nächste Steigerung?
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