Japan in Basel. Oder: Zum Glück haben die Japaner kein Sturmgewehr im Schrank.

Hunderttausende (Millionen?) müssen ihre Wohnungen verlassen. Ganze Regionen sind in Japan ohne Strom, kein Wasser, vielleicht keine Nahrung. Jetzt beginnen die Menschen aus der Hauptstadt Tokio zu fliehen. Aber insgesamt ist es bewundernswert, wie die Menschen in Japan bisher mit der Katastrophe zurechtkommen, wie unglaublich diszipliniert sie sind. Hoffentlich bleibt’s so friedlich.
Wenn ich die Bilder aus Japan sehe, denke ich ständig: Zum Glück haben die Japaner kein Sturmgewehr im Schrank.

Ich stell mir immer wieder vor, wie eine ähnliche Katastrophe bei uns bewältigt würde. Ähnliche Situationen, wie sie sich jetzt in Japan in der Realität ereignen, haben wir seinerzeit für die Schweiz im militärischen Stab Bundesrat kommunikativ durchgespielt. Wenn ich diese Szenarien  kombiniere mit der Mentalität, die mir bei der Abstimmung um „das Sturmgewehr im Schrank“ entgegen geschwappt ist, dann graut mir.

Das ist mein Denkszenario für Basel in Analogie zur realen Situation in Japan:
Ein schweres Erdbeben hat die Region Basel erschüttert. Dank den Sicherheitsvorkehrungen und unserer vorbildlichen Architektur bleiben die Schäden zunächst in Grenzen. Dann kommt die Nachricht: Fessenheim, das französische Atomkraftwerk rund 30 Kilometer nördlich von Basel, ist beschädigt. Radioaktivität beginnt zu entweichen und aufgrund der Wetterlage treibt eine tödliche Wolke in Richtung Basel.

Der Bundesrat entscheidet in Absprache mit der Basler Kantonsregierung, die Stadt Basel und die rechtsrheinischen Gemeinden Riehen und Bettingen zu evakuieren. Die Regierung in Liestal zögert, die entsprechende Empfehlung Berns umzusetzen.

Zwei Szenarien scheinen denkbar:
A) Wir Basler (und viele Stadt-nahe Baselbieter leisten dem Evakuierungs-Befehl Folge oder
B) Wir schicken die meisten Leute, unsere Frauen und Kinder in die Sicherheit. Einige Alte und einige „Helden“ bleiben.

Realistischer scheint mir Szenario B. Aber sowohl A wie B sind absolute Horrorszenarien:

Das Szenario A würde sich mit grösster Wahrscheinlichkeit in Verbindung mit einer allgemeinen Panik abspielen, die zum Chaos führt:
Zuerst bricht das Telefonnetz zusammen, weil alle gleichzeitig telefonieren wollen. Vielleicht wird das Netz aber auch von den Behörden still gelegt, um es für das offiziellen Notstandsmanagement nutzbar zu halten. Die Gefahr ist gross, dass sich dadurch die Panik weiter vergrössert oder wegen dieser Massnahme gar erst ausgelöst wird.

Wie würde Heiri Bünzli sich verhalten – oder ich selbst?
Ich arbeite in der Stadt und würde wie abertausende Andere auch versuchen, meine Frau und meine engsten Familienmitglieder zu erreichen. Egal ob’s gelingt oder nicht: Ich hetze nach Hause nach Bettingen – ich versuche es jedenfalls. Vielleicht haben die Behörden die Verbindungen in Richtung Norden, über den Rhein bereits abgeriegelt, weil es die Richtung ist, aus der sich die radioaktive Wolke  der Stadt nähert. Es werden nur Leute und Fahrzeuge aus der Zone im Norden und Osten der Stadt hinaus gelassen, niemand herein.
Einige werden das Рverzweifelt Рrespektieren. Viele werden aber versuchen, illegal und m̦glichst schnell trotzdem in die Zone zu gelangen. Regeln, schon gar nicht Verkehrsregeln, gelten keine mehr:
Es passieren Unfälle und schon Minuten nach dem Evakuierungsbefehl sind die Strassen von und zu den Brücken über den Rhein blockiert; auch für diejenigen, die aus der Zone raus wollen. Einige Besitzer von grossen SUVs werden versuchen, die Blockaden zu umgehen – unter Niederwalzung aller Widerstände. Sie durchbrechen improvisierte Abschrankungen und/oder versuchen sich via die Vorgärten der Häuser einen Weg zu bahnen.
Ein paar „Führerpersönlichkeiten“ fühlen sich berufen, auf eigene Faust Ordnung in das Chaos zu bringen. Sie versuchen den Verkehr zu regeln. Sie sagen, wer wann wohin fahren darf. Sie glauben bestimmen zu können, wer sich in Sicherheit bringen oder zu seiner Familie gelangen kann, und wer warten muss.
Es wird nicht lange dauern, bis die ersten Waffen auftauchen. Einer der Feldweibelgeister, der zufällig an der Ecke wohnt, hat sein Sturmgewehr aus dem Schrank geholt und will sich – gut oder schlecht meinend – Nachachtung als „Helfer“ und Organisator des Chaos verschaffen. Zuerst schiesst er nur in die Luft, dann  „in Selbstverteidigung“ auf Andere, die jetzt, da die Schwelle zur Waffennutzung überschritten ist, sich ihren Durchbruch freischiessen wollen.

Die Polizei? Die funktioniert schon längst nicht mehr, respektive sie ist zur Gefahr für die Bevölkerung geworden. Auch die Polizeibeamten sind in der absoluten Notsituation nur Menschen, zum Beispiel Väter. Sie haben ihre Einheiten verlassen und sich auch auf den Weg nach Hause gemacht – mit einem grossen strategischen Vorteil: Sie sind bewaffnet. Sie werden zur Gefahr: zuerst als wohlmeinende Ordnungsschaffenden, dann nur noch zur Wahrung ihrer eigenen Interessen.

Okay, das mag ein etwas gar apokalyptisches Szenario sein. Nehmen wir deshalb Szenario B) und gehen wir davon aus, dass wir es in japanischem Stoizismus geschafft haben, die Evakuierung friedlich zu bewältigen.
Einige Alte sind zurückgeblieben und auch einige Männer (und Frauen). Vereinzelt haben sich Leute in ihren Häusern eingebunkert. Sie haben schon länger genügend Vorräte gelagert, um einige Zeit autochthon zu überleben. Sie wollen ausharren, nicht zuletzt auch, weil sie Angst haben, dass ihr Haus/ihre Wohnung bei Gelegenheit durch andere Zurückgebliebene geplündert würde.
Der Chef im Haus (Mann oder Frau) wird sich ein erstes Mal überlegen, ob er das Sturmgewehr für Notfälle schon mal vorsorglich aus dem Schrank nimmt. Noch kann er sich nicht vorstellen, dass er auf einen vermeintlichen Einbrechen schiessen wird, der vielleicht sein Nachbar ist. Seit Tagen bettelt er vor dem Haus um Nahrung und versucht schliesslich, weil ihm das  Trinkwasser ausgegangen ist, im Swimmingpool des Nachbarn, Wasser zu stehlen.

Im Dorf sorgt eine Gruppe rund um Hugo Z. – Mitglied der National-Konservativen Partei und einer der Promotoren der Anti-Waffeninitiative – für Ordnung. Die Mitglieder der Gruppe patrouillieren in den Fahrzeugen der Gemeindeverwaltung in den Quartieren mit den Sturmgewehren im Anschlag. „Um so Plünderer abzuschrecken“, wie sie vorgeben.
Weil der Strom ausgefallen ist, gibt es nicht nur kein Licht im Dorf, die Heizungen in vielen Häusern sind ausgefallen, meist auch die Wasserversorgung. Die mit den Sturmgewehren bewaffneten, selbsternannten Dorfwächter haben am Brunnen im Dorfzentrum, der noch funktioniert, eine täglich Wasserausgabe organisiert. Sie bestimmen, wer wieviel Wasser erhält. Dass wegen der zunehmenden Verstrahlung eigentlich keine Menschen ins Freie gehen dürften, spielt längst eine Rolle mehr.

Die Geschichte kann in allen denkbaren Varianten weitergesponnen werden. Wobei die negativen, kaum vorstellbaren Szenarien die Wahrscheinlichsten sind.

Unwahrscheinlich? Ãœbertrieben? Hoffentlich. …

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