Der "neue Süden" als Chance für Europa

Faktum 1: Nordafrika und die arabische Welt hat im Überfluss, was der Schweiz und Europa mangelt: Junge Menschen. Viele davon sind gut ausgebildet und haben gar einen universitären Abschluss. Und viele von ihnen wollen nur eines: Nach Europa auswandern.

Faktum 2: Die Schweiz (und Europa) ist auf den Zuzug von jungen, gutqualifizierten Arbeitskräften angewiesen, wenn sie mittelfristig weiter wachsen und den Wohlstand für Viele erhalten will. „Wir brauchen die Einwanderung … von qualifizierten Personen aus Drittstaaten», schreibt etwa die schweizerische FDP in ihrem fünfseitigen „Forderungskatalog“ zur künftigen Schweizer Ausländerpolitik (Download FDP-Papier hier).

Man kombiniere Faktum 1 und Faktum 2. Die Lösung liegt wohl auf der Hand. Jeder Politiker, der sie nicht sieht und aktiv anstrebt, ist im Herbst eigentlich ncht wählbar.

Doch statt jetzt zuzugreifen und die Umwälzungen im arabischen Raum als Chance wahrzunehmen, beschwören nicht nur rechts-nationale Politiker aus kurzfristigen Wahlkampfüberlegungen eine „biblische Flut“ und schreien „nach dem Riechfläschchen oder verstärktem Grenzschutz“ (Zitat: „Die Zeit“ 3.März S.1). Die „Helden vom Tahrir-Platz“ werden wieder fremdenfeindlich reduziert auf eine Horde wild um sich schiessender Halbwüchsiger. „Die wollen wir nicht in Bümpliz oder Köniz haben“, darf SVP-Scharfmacher Mörgeli unter allgemeinem Kopfnicken des Publikums in der Arena sagen.

Tatsächlich hat die Schweiz ihre Hausaufgaben punkto Flüchtlingen aus dem arabischen Raum gemacht. Sollte sie dann doch noch kommen, „die Flut“, ist die Schweiz (Bund und Kantone) vorbereitet. Ob damit der SVP und den andern auf dem Ausländerthema surfenden Parteien tatsächlich „der Wind aus den Segeln genommen“ ist, wie der Blick schreibt, darf bezweifelt werden. Aber der erste, defensive Schritt ist getan.

Was es jetzt aber dringend braucht ist ein zweiter, offensiver Schritt. Wir müssen jetzt die Chance packen und die Politik in die Praxis umsetzen, von der alle reden: „Gut qualifizierte Personen aus Drittstaaten“ in die Schweiz bringen. Wir sollten aktiv um diejenigen jungen, gutausgebildeten Menschen aus dem arabischen Raum werben, die wir brauchen. Und wir sollten es bald tun, bevor uns andere zuvorkommen.

Denn auch im übrigen Europa dämmert es Einigen, dass sich mit den Veränderungen im arabischen Raum eine „riesige Chance“ eröffnet. „Die Zeit“ fordert in ihrem aktuellen Frontartikel „Der neue Süden“einen „New Deal mit unseren Nachbarn im Süden“. In Europa redet man von einem „Marschallplan für Nordafrika“, von einem Projekt „Aufbau Süd“ und der Arabienspezialist Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin fordert einen „Pakt für Arbeit, Ausbildung und Energie“ mit der Region am anderen Ufer des Mittelmeers. Es wäre „ein Bündnis von dem beide Seiten profitieren“. Wirtschaftlich und politisch. (Wie dieser Pakt aussehe könnte, versuche ich im Contetxlink-Beitrag „Ein Pakt der Schweiz mit Tunesien“ auszuführen.)

Und ja, eine echte Partnerschaft mit dem arabischen Raum ist AUCH ein Gebot der Menschlichkeit, ein Signal an die jungen, um eine Perspektive kämpfenden „Revolutionäre“, wie die Zeit schreibt: „Ja, wir wollen euch! Wir sehen euch nicht mehr nur als Hinterhof mit Ölleitung, sondern als zukünftigen Kultur- und Wirtschaftsraum.“

DAS wäre eine grössere Revolution im Denken Europas: Wenn wir wieder lernen, den Raum südlich und nördlich des Mittelmeers als unseren Kultur- und Wirtschaftsraum zu sehen. In einer globalisierten Welt, in der sich der Schwerpunkt vermehrt nach Asien verschiebt, sind wir darauf angewiesen, mit unseren unmittelbaren Nachbarn in einer friedlichen Partnerschaft zu leben, die uns wirtschaftlich und politisch stärkt.

This entry was posted in Europa, Islam, Migration, Naher Osten, Nordafrika, Projekt Schweiz. Bookmark the permalink.

2 Responses to Der "neue Süden" als Chance für Europa

  1. Titus says:

    Im Grundsatz (Chance) nicke ich zwar mit dem Kopf.

    Was mich allerdings stört – und das war auch schon beim FDP-Papier der Fall – ist der Aspekt der Rosinen-Pickerei, so ganz nach dem Motto: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen…

    Etwas plakativ gesagt wird reingelassen, wer an der EU-Aussengrenzen sein Zeugnis zückt und gute Noten aufweisen kann. Alle anderen werden wieder zurück aufs Meer geschickt.

    Der Ansatz müsste eher sein, Menschen aus dem arabischen Raum einzuladen, denen wir etwas lehren können (handwerklich, wissenschaftlich, institutionell usw.), die selber lernbereit sind und auch einige Zeit hier leben können/möchten oder das wir auf Anfrage/Wunsch „runter“ gehen und dort zeigen, wie wir bei uns etwas machen.

    Jetzt nur das Schäumchen oben abzuschöpfen (und es dem arabischen Raum wegzunehmen) scheint mir nicht so das Gelbe vom Ei zu sein…

  2. Contextlink says:

    @Titus.
    Ich versuche hier einem realpolitisch realisierbaren Vorschlag Raum zu geben. Es ist Rosinenpicken, ja. Eine ganze ähnliche Handhabung, wie sie das Immigrationland USA pflegt. Es geht aber darum, einen neuen Weg zu finden, mit dem sich die totalen, mehrheitsfähigen Verweigerungspolitik der National-Konservativen aufbrechen lässt. Wichtig: Lies auch meinen zwieten Beitrag zum Thema: „Ein Pakt der Schweit mit Tunesien“. Dann wirkt meine Argumentation vielleicht etwas differenzierter.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.