Progressiver Evangelikalismus?

brasil-padrão-fifa

Pastor Antonio Carlos Costa, Kopf der NGO „Rio de Paz“, an der Gross-Demonstration in Rio de Janeiro Juni 2013

Wir sind zurück in Brasilien für einen letzten Dreh unseres Dokfilms „Kreuzzug“ – mit einem doppelten Ziel:

  • Einerseits wollen wir eine bisherige Schwäche unseres Konzeptes korrigieren: Es gibt sehr wohl auch Tendenzen und Gruppierungen in der evangelikalen Bewegung, die wir bei uns als „progressiv“ bezeichnen würden. Wir hoffen, mit der NGO Rio de Paz, mit dessen Kopf Pastor Antonio C. Costa wir verabredet sind, eine solche Gruppierung gefunden zu haben.
  • Andrerseits hoffen wir mit der Porträtierung von „Rio de Paz“ einen zusätzlichen Bezug zur zum Thema zu schaffen, welches bei der voraussichtlichen Ausstrahlung unseres Films im Frühjahr 2014 topaktuell sein wird: Die Fussball-WM hier in Brasilien. Rio de Paz ist stark engagiert in der aktuellen Protestbewegung in Brasilien, welche mit Sicherheit die Gelegenheit der Fussballweltmeisterschaft nächstes Jahr nutzen wird, um wahrgenommen zu werden. Rio de Paz ist eine der Gruppierungen innerhalb dieser bei der sehr breiten Bewegung, welche auch speziell die Fussball WM und die gigantischen Ausgaben dafür kritisiert. Nicht zuletzt tut sie das mit spektakulären, sehr bildhaften Aktionen und Installationen, welche die Bilder liefern, welche auch die internationalen Medien nutzen, um die Thematik zu illustrieren.

Der Start zu unserem kurzen (letzten) Brasilienaufenthalt hat uns noch einmal die ständige Brasilienlektion erteilt: Es läuft meist nicht so, wie geplant. Aber frühere Erfahrungen haben uns auch gelehrt: Irgendetwas klappt dann schon irgendwie. Aber man muss Geduld haben und manchmal auch etwas hartnäckig sein.
Eigentlich sind wir am Donnerstag abend angereist auf der Basis der Information von Pastor Antonio, es werde am Freitag eine grössere Demo hier in Rio stattfinden, bei der wir „Rio de Paz“ in Aktion filmen könnten. Die Demo fand nicht statt. (Kommentar unseres Fahrers: „Viel zu heiss zum demonstrieren. Wir Brasilianer gehen jetzt lieber an den Strand.“)
Wir hoffen jetzt, heute Sonntag neue Pläne mit Pastor Antonio machen zu können. Insbesondere wollen wir die eigentliche Hauptarbeit von „Rio de Paz“ in den Favelas porträtieren und Gespräche mit Pastor Antonio führen über seine Strategie, das soziale Engagement seiner NGO (und der evangelikalen Bewegung) auf die Strasse zu tragen.

Hdr1jPXwsEbg7w7xDlAqt2YdTOxSu3SstcHI1ZnkEIs,1Ile9vVFJdPAS9PzuhYSIfVh3zi2akKFE5jlDELw30M

Prof. Maria das Dores Campos Machado (UFRJ)

Auf die Fährte „Rio de Paz“ und Pastor Antonio hat uns Professorin Maria das Dores von der der Universität Rio de Janeiro gebracht, die wir am letzten Tag unseres Drehs hier in Rio im vergangenen Juli interviewt haben. Auf meine Frage, warum eigentlich die Evangelikalen bei den aktuellen Massenprotesten keine Rolle spielten, hat sich mich wohlwollend verwundert angesehen: „Aber sie spielen doch eine wichtige Rolle. Habt ihr das nicht wahrgenommen?“ Und sie hat uns eben auf Rio de Paz aufmerksam gemacht.
Andrea Nachtleben RioGanz allein sind wir allerdings nicht mit unserer Nicht-Wahrnehmung. Intellektuelle, mit denen wir hier in der tendenziell linken Szene von Santa Teresa (Rio de Janeiro) reden, kennen – wenn überhaupt – nur die Bilder der Installationen von Rio de Paz aus der Zeitung. Wenn wir ihnen den Zusammenhang mit der neuen religiösen Bewegung schildern, reagieren sie schon fast geschockt. „Nein, nein, das stimmt nicht.“ Sie sind sich sicher, dass wir auf einer falschen Fährte sind.
Wir haben allerdings denn Verdacht, sie wollen eher sagen: „Das darf nicht wahr sein!“ Zu unserem grossen Erstaunen, wissen sie sehr wenig von den Phänomen der evangelikalen Bewegung. Sie wischen es mit eine paar abschätzigen Bemerkungen vom Tisch, ganz ähnlich wie das Intellektuelle in Europa tun.

ong-rio-de-paz-faz-protesto-para-marcar-a-campanha-brasil-padrao-fifa

Pastor Antonio C. Costa von der NGO Rio de Paz in der FIFA-kritischen Installation an der Copacabana Rio 2013

Auch in den lokalen und internationalen Medien, welche über die Aktionen von Rio de Paz berichten, gibt es den Aspekt „evangelikale Bewegung“ nicht. Einzig Leute, die sich intensiver mit dem Phänomen befassen, sehen den Zusammenhang. Z.B. Andrew Johnson, der eben einen Dokfilm über die Arbeit der Evangelikalen in den Gefängissen in Rio fertiggestellt hat, hat schon über den Zusammenhang geschrieben. Er stellt die Frage, der wir hier nachgehen wollen: „Brazilian Evangelicals: Stepping out into the Streets?“

Andrew Johnson gehört zu den Leuten, die im Auftrag der Center for Religion and Civic Culture (CRCC) der University of Southern California in den lezten Jahren umfangreiche Studien über die globale Bewegung der Evangelikalen (die Amerikaner brauchen den Sammelbegriff „Pentecostals“ oder „New Religious Movements“) gemacht haben. Das Ãœberblickspapier „Moved by the Spirit“ fokussiert stark auf den progressiven Evangelikalismus.

Wir sind gespannt, ob es diesen progressiven Evanglikalismus wirklich gibt und ob es uns gelingt, ihn in diesen Tagen in Brasilien bildlich festmachen zu können.

 

This entry was posted in Brasilien, Dokfilm Projekte, Film "Kreuzzug", Kirche, Religion, Weltordnung. Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.