Climate, Energy, Nuclear Energy

Deutschland am Klimapranger

Prof. James E. Hansen, Berlin 13. Nov. 2021; Credit: Pawel Glogowski

Endlich stellt jemand Deutschland an den Klimapranger. Der es tut, ist nicht irgendwer: James Hansen, eine Ikone der internationalen Klimabewegung. Am vergangenen Samstag ist er nach Deutschland gereist. In einer kurzen Rede vor dem Brandenburgertor in Berlin hat er Deutschland angeklagt:

Wenn Deutschland weiterhin darauf bestehe, dass Gas in der EU-Taxonomie zur „grünen“ Ernergie aufgewertet wird und die Kernenergie von Fördermassnahmen augeschlossen bleibt, mache Deutschland das international vereinbarte Ziel, die Erwärmung auf 1.5° zu beschränken, zum „Gespött“: „Germany will make a mockery of the goal to keep global warming to 1.5° C.“


Zunächst hatte Professor Hansen in seiner kurzen Rede auf der Kundgebung “Stand Up for Nuclear” Deutschland noch für seine Bemühungen zur Nutzung und Weiterentwicklungen der erneuerbaren Energie gelobt, wie um abzutempieren, was er anschliessend sagte. Nocheinmal betonte er auch die Dringlichkeit einer raschen Dekarbonisierung – und dann legte er in ruhigem, professoralem Ton los:

Als eines der drei Länder, welche punkto pro Kopf „am meisten für die globale Erwärmung verantwortlich sind“, sei Deutschland besonders in der Veranwortung, alles zu tun, was möglich ist, „um eine gute Zukunft für junge Menschen zu sichern.“

Hansen liess keinen Zweifel daran, dass Deutschland mit seiner bisherigen Klimapolitik, dieser Verantwortung nicht nachgekommen ist – sowohl national wie international.

Hansen hat bei seiner Rede immer wieder versucht, diplomatisch zu sein. So hat den Entscheid Deutschlands, seine Atomkraftwerke bis spätestens 2022 zu schliessen und dafür die Kohlekraftwerke weiter zu betreiben, nicht direkt kritisiert. Er sagte aber: um den Interessen der jungen Menschen gerecht zu werden, müsste Deutschland „als erstes die schmutzigste und kohlenstoffintensivste Energie, die Kohle, auslaufen“ lassen. „Die nächste sollte Gas sein. Erst dann sollten die Kernkraftwerke geschlossen werden.“

Doch Deutschland hat nicht nur als erstes die praktisch CO2-freie Produktion von Atomstrom abgestellt. Sie ist auch international als grösster Lobbyist der Anti-AKW Bewegung aufgetreten.

Schon 2001 habe Deutschland seine Position als Gastgeber der Weltklimakonferenz (COP6) in Bonn genutzt, sagte Hansen in Berlin, „um dafür zu sorgen, dass die Kernenergie als sauberer Entwicklungsmechanismus ausgeschlossen wurde.“ Diese „Ausgrenzung und Verteufelung der Kernenergie“ habe dazu beigetragen, dass Länder mit aufstrebenden Volkswirtschaften wie China und Indien „auf den Weg der Kohle gezwungen“ wurden. Deutschland, sagt Hansen damit, sei mitschuldig, dass diese Länder seit vielen Jahren viel mehr CO2 in die Atmosphäre ausstossen als nötig.

Hansen hat dieses Thema nicht weiter ausgeführt, aber auf der Kundgebung am Samstag auf dem Brandenburgerplatz haben alle verstanden, was Hansen damit implizierte. Er hat schon 2013 in einer wissenschaftlichen Studie vorgerechnet, dass dank „Strom aus Atom“ weltweit (bis 2012) mindestens 64 Gigatonnen CO2 eingespart wurden und dass dadurch rund 1,8 Millionen Menschen weniger an den Folgen der Umweltverschmutzung durch fossile Brennstoffe gestorben sind.
Umgekehrt könnte man Überlegungen anstellen, wieviele AKW weltweit nicht gebaut wurden wegen dem Widerstand der anti-AKW-Bewegung und ihres grössten Lobbyisten in der internationalen Gemeinschaft Deutschland – und wieviele Menschen deshalb gestorben sind.

Professor Hansen hat seinem Publikum in Berlin auch nicht vorgerechnet, wieviele Leute in Deutschland gestorben sind, weil hier seit 2011 die Atomkraftwerke geschlossen werden.
Er hat aber auf die Konsequenzen der anstehenden Aufwertung des fossilen Energieträger Gas aufmerksam gemacht: „Gas ist nicht sauber.  Die Luftverschmutzung durch den Abbau und die Verbrennung von Gas tötet jedes Jahr Tausende von Europäern, und der gesamte Treibhauseffekt, einschließlich des entweichenden Methans, ist fast so schlimm wie der von Kohle.“

Dass sich Deutschland in der Not seiner gescheiterten Energiewende und einer drohenden Energieversorgungskrise jetzt bei der EU für den fossilen Brennstoff Gas stark macht, empört Hansen.
Falls Deutschland “dieses absurde Ziel”, Gas als grün zu klassieren, erreiche, werde die Geschichte (dies Deutschland) nie verzeihen. „The eyes of history will be unforgiving.“ Und das Urteil der kommenden Generation werde „vernichtend“ („damning“) sein. 

Die Rede von Professor Hansen war wahrlich eine deftige Attacke auf Deutschland. In meinem journalistsichen Verständnis müsste das eine satte Medien-„Story“ sein mit fetten Schlagzeilen. Aber die Deustchen Medien schweigen. Haben Sie das Ereignis gar nicht wahrgenommen oder wissen Sie nicht, wer James Hansen ist? Oder ist das Ausdruck der „Cancel Culture“?

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