Kosovo, Syri I Popullit

UÇK-Führung am Pranger

Diese Woche ist auf dem kosovarischen Sender TV7 Bemerkenswertes geschehen. Der Sender, der dem Lager der früheren Regierungspartei PDK um Hashim Thaci zugeordnet wird, hat in seiner Debattensendung „Pressing“ ein politisch hochbrisantes Stück zur Geschichte der Befreiungsarmee UÇK zur besten Sendezeit in die breite Öffentlichkeit von Kosovo getragen: Der ehemaligen Führung der UÇK um den nachmaligen Präsidenten Hashim Thaci wird darin nichts weniger als Sabotage am Befreiungskampf vorgeworfen.

Der Autor des Pamphlets “Kronologji historike për UÇK- në, enkas për Pressing” ist Ibrahim Kelmendi, einer der Gründer der „Lëvizja Popullore e Kosovës“ (LPK), welche 1993 die UCK gegründet hat. Bis zu seiner Marginalisierung im Rahmen der UÇK/LPK-interner Machtkämpfe 1998, mitten im Krieg, war er zweifellos einer der führenden politischen Figuren des Befreiungskampfes, wenn nicht sogar DER Kopf.

Ibrahim Kelmendi lebt in Deutschland. Sein gesundheitlicher Zustand erlaube es ihm nicht, persönlich an der Sendung teilzunehmen, schreibt er zu Beginn seiner schriftlichen Stellungnahme. Leider stimmt das.

(Der albanische Originaltext von Kelmendis Stellungnahme findet sich hier; auf deutsch übersetzt hier.)

Die schweren Vorwürfe, die Kelmendi erhebt, sind nicht wirklich neu. Er hat sie – ausführlicher – auch in einem Schreiben an den Chefankläger des Kosovo Spezialgerichts in Den Haag erhoben, der Hashim Thaci und drei seiner wichtigsten Mitstreiter angeklagt hat. Diese “Zeugenaussage” hat Ibrahim Kelmendi schon letztes Jahr auch auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht.
Der Vorwurf der Anklage des Chefanklägers gegen Hashim Thaci, Kadri Veseli, Rexhep Selimi und Jakup Krasniqi: Sie seien für zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einschließlich Folter und Mord im Zeitraum 1998/99 verantwortlich.

Leider haben die Diskussionsteilnehmer der Pressing-Debatte bei TV7, darunter auch Rame Buja, Mitglied der obersten Führungsriege der UÇK, die heftigen Vorwürfe nicht wirklich diskutiert. Aber allein das Faktum, dass der neue Chefredakteur von TV7, Leonard Kerquki diese sieben Minuten dauernde Anklage Kelmendis ohne Unterbrechung veröffentlicht hat, macht Hoffnung, dass jetzt vielleicht doch eine öffentliche Diskussion über die Geschichte der UÇK in Kosovo geführt werden kann, so schmerzhaft dies für Viele sein wird.

Bisher war das unmöglich. Nicht nur für die Veteranenvereinigung ist jede Kritik an der UÇK pure Blasphemie, und selbst die Diskussion persönlicher Vergehen der UÇK-Führung oder anderer Angehöriger der Befreiungsarmee gilt als Verrat. Wer es wagt, darüber zu reden, riskiert, verfolgt zu werden. Der Fall „Syri i Popullit“, über den ich hier auf Contextlink auch berichte, ist nur ein Beispiel dafür.

Ich bin schon seit mehr als einem Jahr an zeitweise aufwändigen Recherchen zur Geschichte der UÇK:

  • Es gibt eine ganze Reihe von (albanischen) Publikationen, welche dieselben oder ähnliche Vorwürfe wie Ibrahim Kelmendi erheben.
  • Die Medien in Kosovo berichteten jeweils sogar kurz darüber, aber dann lässt man lieber wieder die Finger davon.
  • In jüngster Zeit hat die albanische Radio- und TV-Anstalt RTSH politisch brisante Dokfilme zum Thema produziert.
  • Ich habe inzwischen (noch nicht veröffentlichte) Videointerviews auch mit hochrangigen UÇK-Militärs geführt, welche zumindest einen Teil der Vorwürfe Kelmendis bestätigen.
  • In anderen, bisher nur informellen, nicht aufgezeichneten Gesprächen, die ich mit damals zentralen Playern über die UÇK/LPK-internen Auseinandersetzung mitten im Krieg geführt habe, werden die wichtigsten Vorwürfe Kelmendis bestritten oder als grob verzerrte Darstellung der Ereignisse bezeichnet. Es werden umgekehrt auch heftige Vorwürfe gegen Ibrahim Kelmendi und das damalige LPK-Präsidium erhoben.

Zu dieser letzten Position, die ein ganz anderes Bild als Kelmendi vermittelt, hoffe ich, schon bald mehr berichten zu können.

Generell:
Ich habe Zweifel, dass die Kriegsgeneration in Kosovo und in der Diaspora fähig ist, eine nüchterne Diskussion über den Krieg und die UÇK zu führen.:

  • Viele sind noch immer traumatisiert von den schrecklichen persönlichen Erlebnissen.
  • Für Viele zählt nur das Resultat, der Sieg, die Erinnerung an die Kameradschaft und die glorreichen Momente des Widerstandkampfes.
  • Einige haben etwas zu verbergen.
  • Viele sind frustriert oder gar wütend, wie Ibrahim Kelmendi: Sie haben sich viel mehr erhofft als den Sieg und die Unabhängigkeit des Landes. Und sie glauben zu wissen, dass die langjährigen Machthaber um Hashim Thaci & Co schuld an der nach wie vor unerfreulichen Entwicklung des jungen Staates sind. Sie fühlen sich betrogen.
  • Andere haben resigniert: “Lass mich in Ruhe mit dem Thema. wir müssen vorwärts schauen.”
  • Und nicht Wenige haben Angst, offen, und schon gar nicht öffentlich, darüber zu reden. Sicher nicht, solange der Prozess gegen Hashim Thaci & Co in Den Haag noch nicht abgeschlossen ist.

Ich hoffe auf die junge Generation – in Kosovo und in der Diaspora. Ich hoffe, sie kann, anders als ihre Eltern, die Geschichte des Befreiungskampfes unbefangen aufarbeiten. Diese Aufarbeitung ist eine wichtige Voraussetzung für eine friedliche Entwicklung von Kosovo ist.
Was das Land braucht, ist eine Ent-Mythisierung der UCK. Jeder Mythos vertuscht dunkle Aspekte der wahren Geschichte. Wenn diese nicht offengelegt und ausdiskutiert werden, wird die Geschichte der UCK immer belastet bleiben. Nicht zuletzt müssen die breit kursierenden Vorwürfe gegen die ehemaligen Führungskräfte der UÇK geklärt und Fehlbare bestraft werden.
Die UÇK wird dadurch nicht herabgemindert, im Gegenteil: gereinigt, in ihrer ganzen Wahrheit, kann die UÇK um so stärker wirken und der befreite Befreiungskampf als Fundament einer gedeihlichen Zukunft Kosovos dienen.

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