Adrian Zschokke, Gastbeitrag, Schweiz

Über die Dummheit

Gastbeitrag von Adrian Zschokke
Adrian, der Weltbeschwörer
Adrian Zschokke bei den Dreharbeiten zur neusten Produktion “Z wie Zschokke”

Als es mit COVID losging und die ersten kritischen Stimmen auftauchten, rief mich ein Freund an und fragte beiläufig: «Wie ich dich kenne, glaubst du nicht an die Pandemie?» Das machte mich stutzig und leicht verstimmt. Ich glaubte nicht, dass ich so leicht vorhersehbar war. Aber selbstverständlich, als kritischer Filmemacher ist mir seit je alles, was «von oben», also von den Multinationalen, den Mainstream-Wissenschaftlern, den führenden Politikern, auftaucht, erstmal suspekt. Oft genug sind wir belogen worden, sei es von denn Zigarettenfabrikanten, von den Ölproduzenten, Politkeren aller Couleur, den Autoherstellern und nicht zuletzt den Pharmamultis (Tamiflu!). Und oft haben wir das in unseren Filmen thematisiert. Ich nannte und nenne es Enthüllungsjournalismus und meinte mich klar abzugrenzen von Verschwörungstheorien.

Seit allerdings Trump mit seinen plumpen Lügen alles und jede halbwegs anerkannte Tatsache in Frage stellte, seit Fox News oder Weltwoche dies als Erfolgsrezept perfektionieren, ist es schwierig geworden, an dieser Unterscheidung festzuhalten.

Immer häufiger aber nervt mich in letzter Zeit der pawlowsche Reflex, alles, was von der «Gegenseite» vorgebracht wird, als Geschwurbel zu diffamieren. Und so merkte ich auf, als ich kürzlich mehrmals über den Dunning-Kruger Effekt (im Weitern DK Effekt) stolperte.

Er besagt vereinfacht, dass inkompetente Menschen sich oft überschätzen, und durch Social Media mit oberflächlichen Recherchen in ihrer Position verstärkt verharren. Auf SRF gibt’s dazu sogar ein Interview. Der Artikel spricht zwar von Inkompetenz, aber eigentlich ist klar, wir sprechen von den «Dummen»; ebenso klar ist, es sind immer die andern, und aktuell sind die Impfskeptiker damit gemeint.

Nun halte ich Dummheit für eine absolut untaugliche Charakterisierung anderer, und bin besonders hellhörig, wenn es von meinen BerufskollegInnen kommt, den vielgeschmähten Journalist*en.

Wie der DK Effekt dargestellt wird – auch in meiner Zusammenfassung – zeigt genau das Problem auf: es ist alles aus dem Internet eingedampft. Daraus schliesse ich, dass es eine ziemlich unnötige Untersuchung ist, obschon David Dunning und Justin Kruger im Original wohl eine komplexere Aussage gemacht haben. Tatsache ist dennoch: Viele haben diese selbstbestätigende Schlaumeierei schön früher thematisiert, u.a. W.B. Yeats dichtete: “The best lack all conviction, while the worst are full of passionate intensity.” (Den Besten fehlt jede Überzeugungskraft, die Schlechtesten sind voller leidenschaftlicher Ausstrahlung). John Cleese  meinte: «Die Leute sind so dumm, dass sie keine Ahnung haben, wie stupid sie wirklich sind». Natürlich darf auch Sokrates nie fehlen mit seinem Ausspruch «ich weiss, dass ich nichts weiss». Hier beginnen meine Einwände. Sokrates hat gemäss Überlieferung herausgefunden, dass er bei allen klugen Menschen, die er antraf, auf Argumentationsfehler stiess, und kam  deshalb zum Schluss:

Verglichen mit diesem Menschen bin ich weiser. Wahrscheinlich weiß keiner von uns beiden etwas Rechtes; aber dieser glaubt, etwas zu wissen, obwohl er es nicht weiß; ich dagegen weiß zwar auch nichts, glaube aber auch nicht, etwas zu wissen. Um diesen kleinen Unterschied bin ich weiser, weil ich das, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.‘ Und so müsste das Zitat lauten: «Ich weiss, was ich nicht weiss.»

Uns aber wurde im Griechisch Unterricht (soviel ich mich erinnere) eben das heute bekannte Zitat «oida ouden eidenai», «ich weiss, dass ich nichts weiss,» gelehrt, mit dem wir gerne an Partys «bescheiden» brillieren.

Wissenschaftsjournalisten müssten eigentlich, wenn sie den DK Effekt ernst nähmen, sofort aufhören zu publizieren, denn niemand kann alles studiert haben, worüber die unwissende Leserschaft informiert werden soll. Und wer bspw. über neueste Quantenphysik schreibt, muss schon ein sehr gesundes Selbstvertrauen haben, wenn sie glaubt, zu wissen, worüber er berichtet. Leider ist nicht einmal die Mathematik, bei der die Realität am allerwenigsten mit Schmutzeffekten dazwischen spukt, widerspruchsfrei, wie wir seit Kurt Gödel erfahren mussten. Und dass oft Zufall und Schlamperei erst Entdeckungen ermöglichten, die die braven Wissenschafterinnen sonst nie gefunden hätten, kann bspw. hier nachgelesen werden:

Wer nun immer «Follow the Science» kräht, um die «Dummen» in ihre Ecke zu verweisen, vergisst, wie wir gelacht haben, als  ein Querdenker behauptete, die Erde drehe sich um die Sonne, oder dass Mücken Malaria übertragen, oder wie die Kollegen Semmelweiss verspotteten, als der Depp meinte, Händewaschen verhindere Kindsbettfieber.

Geradezu die Personifizierung des Dunning-Kruger Effekts ist sicherlich Trump: Aber selbst hier ist Vorsicht geboten: So entgegnete er einem schlauen Journalisten, der ihn in die Zange nahm, schnippisch, aber durchaus korrekt: «Sie meinen, alles besser zu wissen, aber ich habe wohl doch einiges richtig gemacht, schliesslich bin ich hier Präsident und sie sind der Bittsteller».

Im Fall der Impf- und Covidskeptiker, (ich bin dreifach geimpft und halte Covid für eine – noch recht wenig untersuchte – Pandemie) ist zwar der DK Effekt oft angebracht, aber häufig sind die kritischen Umgetriebenen sehr gut dokumentiert und belesen. Als ich mein Killerargument zum Besten gab, dass nämlich 2020 in der ersten Welle zwischen 30. März und 5. April 46% mehr Personen als erwartet im Alter von über 65 starben, schmetterte mir ein Freund und Covidskeptiker umfangreichste Statistiken entgegen, wonach die Zunahme, wenn sie gegen die Erhöhung des Durchschnittsalters und… – ich weiss nicht mehr alle Details – gegengerechnet würden, im Gegenteil ein Rückgang der Sterblichkeit sei. Da habe ich aufgegeben, ich habe schliesslich weder die Covidpatienten gezählt noch die Schweizer Bevölkerung. Ich habe einfach ein Grundvertrauen in unsere Regierung und die Behörden, die sie beraten. Ich glaube weder, dass Berset von der Pharma bezahlt, noch dass Maurer von der Öllobby bestochen wird. Auch wenn ich das Zertifikat nicht für der Weisheit letzten Schluss halte, auch wenn mich die Coronapolitik nicht durchwegs begeistert, ich halte sie für vertretbar. Und ich bin froh, dass wir in unserer direkten Demokratie darüber abstimmen konnten. Und dass wir das Resultat, sollte sich die Situation ändern, auch wieder anpassen können.
Ich halte das Geschwätz über Diktatur genau dafür. Aber Leute als dumm und inkompetent zu bezeichnen, weil sie anderer Meinung sind, finde ich unrichtig und kontraproduktiv. Denn die Quer- und Holzköpfe sind mir im Allgemeinen lieber als die sogenannten Schafe. Was mich stört, ist, dass sie glauben, weil sie quer denken, hätten sie per se den besseren Durchblick. Deshalb möchte ich anstelle des Dunning Kruger Effekt lieber Busch zitieren:

Wenn einer, der mit Mühe kaum,
gestiegen ist auf einen Baum,
schon meint, dass er ein Vogel wär,

so irrt sich der.

Wir sollen unbedingt alles hinterfragen, aber eben immer auch uns selbst. Ein grosser Denker hat das m.E. treffend formuliert:

Warum siehst du den Splitter im Auge deiner Schwester, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?


Adrian Zschokke, Schriftsteller und Filmemacher (aktuelles Projekt: “Z wie Zschokke”)

One thought on “Über die Dummheit

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