Energy, Nuclear Energy, Schweiz

Russische Atomkraft für die Schweiz

Die Schweizer Energiepolitik steckt in einer Sackgasse – genau wie die Energiepolitik in Deutschland, dessen ausschliesslicher Fokus auf erneuerbare Energiequellen der Schweiz als Vorbild dient. Dass diese Politik, welche auch auf die Nutzung der praktisch Co2-freien Atomenergie verzichtet, in die Sackgasse führt, wissen Energiefachleute (u.a. auch in den zuständigen Schweizer Bundesämtern) schon länger. Die aktuelle Diskussion um die Versorgungssicherheit hat die Problematik jetzt auch ins Bewusstsein eine breiteren Öffentlichkeit gerückt.

Die Lösung heisst … Gas!
Der fossile Brennstoff Gas soll jetzt also im vermeintlichen Klimaschutz-Vorzeigeland Deutschland die Energiewende retten und die Versorgungssicherheit gewährleisten?
Und alles deutet darauf hin, dass die Schweiz dem Beispiel Deutschlands erneut folgt.

Auch viele Grüne reiben sich die Augen; führende Klimawissenschaftler sind empört:
Heisst nicht das oberste Ziel der Weltgemeinschaft zum Klimaschutz: Raus aus der fossilen Energie?

Tatsächlich war der fossile Energieträger Gas in der Schweiz schon immer Teil der neuen Energiestrategie, welche das Schweizer Stimmvolk in einer Abstimmung 2017 abgesegnet hat. Bloss hat man es in der PR zur Volksabstimmung vermieden, dies der Bevölkerung deutlich zu sagen.
Auch die wichtigsten Solarlobbyisten der Schweiz gehen schon länger davon aus, dass die Energistratgie2050 ohne Gas nicht realisierbar ist.

Klimatechnisch ist Gas unbestritten besser als Kohle. Aber eine Rückgriff auf den fossilen Brennstoff Gas ist gar nicht nötig, wenn die Schweiz den Ausstieg aus der Atomenergie überdenken. Auch “die Mutter der Energiestrategie2050” Doris Leuthardt hat immer betont, der Atomausstieg sei kein grundsätzliches (Kern-)Technologieverbot, sprich, dass man den Entscheid auf die Nuklearenergie zu verzichten, bei Bedarf auch wieder umgestossen könne.
Und auch wenn es erst 4 Jahre her ist seit der Volksabstimmung: es ist höchste Zeit, dass die Schweiz Deutschland als Vorbild für seine Energiepolitik vergisst und sich an anderen, energiepolitisch erfolgreicheren Vorbildern orientiert: zum Beispiel an Frankreich oder an Finnland.
Ihre Zukunftsformel für eine zeitgerechte CO2-freie Zukunft heisst:

Erneuerbare + Atom.

Dass die Kombination von Atomenergie mit den erneuerbaren Energiequellen Sonne und Wind sogar helfen könnte, mehr Wind- und Solarenergie ins Netz zu bringen, sei hier nur nebenbei angemerkt.


Frankreich:

Der französische Staatspräsident Emanuel Macron hat Mitte Oktober den Plan „France2030“ vorgestellt „pour mieux comprendre, mieux vivre, mieux produire en France à l’horizon 2030“.
Zentrale Säule dieses Plans ist die Energiestrategie und sie basiert schwergewichtig auf der Atomkraft:

1 Millarde Euro will Frankreich in „kleine, innovative Kernreaktoren mit besserer Abfallentsorgung“ (sogenannte SMR) investieren. Neben dem schon bisher geplanten Bau von 6 neuen grossen Atomkraftwerken der 3. Generation.

Gleichzeit will Frankreich bis in in 9 Jahren auch „leader de l’hydrogène vert“ sein, führende Nation in der grünen Wasserstofftechnologie, in die weltweit grosse Hoffnungen gesetzt werden, für deren Produktion aber grosse Mengen Strom nötig sind. Die massiven Investitionen in die Atomtechnologie sollen das möglich machen.

Und auf der Basis der damit zur Verfügung stehenden CO2-freien Energie soll Frankreich

  • seine Industrie dekarbonisieren,
  • 2 Millionen elektrische Fahrzeuge produzieren und betreiben,
  • das erste Flugzeug mit niedrigem CO2-Verbrauch produzieren (und natürlich weltweit vermarkten; AM).

Insgesamt plant Frankreich bis 2030 in diese auf Atomstrom basierenden Strategie 30 Milliarden Euro zu investieren.

Diese französische Energiestrategie stellt eine grosse Chance für die Schweiz dar. Wenn die Schweiz sich in ihrer Energiepolitik künftig an der Strategie Frankreichs statt Deutschland orientiert, entstehen völlig neue Perspektiven. Nicht nur, sind die SMR eine auch für die Schweiz attraktive Lösung, wir könnten uns dank unseren Forschungskompetenzen auch an der Entwicklung der Wasserstofftechnologie beteiligen. Damit wären sogar Überlegungen zu einer Energiestrategie der Schweiz realistisch, welche uns ganz von Stromimporten aus dem Ausland unabhängig machen würde – auch im Winter.

Dies ist keineswegs eine Absage an die Solar- und Windenergie. Im Gegenteil, sie muss eine wichtigen Beitrag zur Strom- und Energieversorgung spielen – wie das auch Finnland plant.

Finnland:

Finnland geht seit Jahren, unbeirrt von der von Deutschland ausgehenden anti-nuklearen Propaganda (und Politik), seinen eigenen, energiepolitischen Weg. Ein Ausstieg aus der Atomtechnologie wurde in Finnland auch nach Fukushima nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Und in Finnland sind selbst die Grünen pro-nuklear.

Während andere noch reden, hat Finnland gehandelt: Nächstes Jahr wird der grosse, moderne EPR-Reaktor Olkiluoto-3 ans Netz gehen und Finnland hat auch das Problem mit der Entsorgung des radioaktiven Abfalls gelöst: Die Arbeiten am Tiefenlager direkt neben den AKW in Olkiluoto sind im Gang und die radioaktiven Abfälle aus den finnischen Atomkraftwerken werden ab 2025 hier eingelagert.

Und Finnland baut seine Kapazitäten an CO2-freiem Strom weiter kräftig aus. Weil Finnland relativ flach ist, spielt die Wasserkraft mit 16% eine nicht unwichtige, aber nicht primäre Rolle (wie zum Beispiel in Norwegen mit 100%). Finnland will bis 2035 CO2-„neutral“ sein und dabei rund 50% der Energie aus erneuerbaren Quellen nutzen.
Ein wichtige Rolle spielt dabei die Nuklearenergie.

Finnland investiert weiter kräftig in den Atomstrom: Die Arbeiten am Atomkraftwerk Hanhikivi-1 in Pyhäjoki südlich von Oulu sind im Gang, obwohl noch nicht alle Bewilligungen vorliegen. Dies soll jetzt aber im Sommer 2022 der Fall sein.

Speziell interessant dabei: die Finnen bauen keinen zweiten französisch-europäischen EPR, wie ursprünglich geplant, sondern einen russischen WWER-1200-Reaktor, der wie der EPR zur 3. Generation der Kernkraftwerke gehört.

Nicht nur der Reaktor ist russisch: Die Firma RAOS, welche das AKW baut und schlüsselfertig der künftigen Betreiberin und Besitzerin Fennovoima übergeben wird, ist eine Tochterfirma der staatlichen russischen ROSATOM-Gruppe. Fennovoima ist ein Jointventure von Rosatom mit einem finnischen Konsortium von staatlichen, finnischen Energiefirmen, welche zusammen 66% der Aktien besitzen.

Auch wenn Finnland das wohl nie so deutlich sagen würde: Insidern der internationalen Nukleargemeinschaft ist klar, dass das auch eine Reaktion Finnlands auf die Schwierigkeiten beim Bau des EPR in Olkiluoto ist: jahrelange Verzögerung, Pannen, Vertragsstreitigkeiten (mit dem französich-deutschen Baukonsortium Areva-Siemens) und massive Kostenüberschreitungen. Eigentlich war mal geplant, dass das neue Kraftwerk schon 2009 ans Netz gehen sollte. Zusätzliche Sicherheitsvorschriften, fehlerhafte Bauteile und ein zeitweises dilettantisches (französisch-deutsches) Projektmanagement haben dazu geführt, dass das AKW schliesslich fast dreimal soviel (8,4 Milliarden Euro) kostet wie geplant.

Weil es ähnliche Probleme auch beim Bau der EPR in Frankreich und in England gibt, erscheint das aktuell beliebteste Argument der Anti-AKW-Lobby, AKW seien schon aus wirtschaftlichen Gründen keine Option, plausibel.
Dabei wird allerdings ausgeblendet, dass inzwischen Atomkraftwerk der 3. Generation von russischen, chinesischen und koreanischen Firmen erfolgreich, termingerecht bereits fertiggestellt oder im Bau sind – alle auch wesentlich kostengünstiger als die französischen EPR.

Finnland setzt jedenfalls beim Bau ihres nächsten AKW Hanhikivi auf die Russen – wie schon beim Bau des ersten finnischen AKW in Lovisa (Lovisa I am Netz seit 1977, Lovisa II seit 1980).

Auch in Finnland geht ein solches Projekt nicht ohne Widerstand über die Bühne. Zuletzt hat das finnische Verteidigungsministerium eine Abklärung der ökonomischen und geostrategischen Risiken der Kooperation mit den Russen verlangt. Dabei geht es offenbar nicht um eine prinzipielle Ablehnung. Das Verteidigungsministerium wünscht, dass der Brennstof nicht ausschliesslich in Russland beschafft wird. Es schlägt aber vor, dass diese Risikobewertung in Verbindung mit der definitiven Lizenzerteilung durchgeführt wird, welche für den mächsten Sommer erwartet wird.


Umsetzung Schweiz:

Wenn die Schweiz sich vom deutschen Vorbild emanzipieren und sich an der französischen oder finnischen Strategie orientieren würde, liessen sich spannende Optionen für eine stark renovierten Schweizer Energiepolitik mit wesentlich realistischeren Erfolgsaussichten denken.

Bedingung dafür ist ein Widerruf des Entscheids, aus der Atomenergie auszusteigen.

Noch bis vor kurzem, war dies undenkbar. Aufgeschreckt durch die öffentliche Diskussion um die Probleme der Versorgungssicherheit, wagen es jetzt aber auch Leute ausserhalb der kleinen pronuklearen Community zu sagen, was sie schon lange denken: Der Ausstieg war ein Fehler.
Selbst in meinem privaten (tendenziell Linken) Umfeld stelle ich fest, dass immer mehr Leute jetzt bereit sind, wenigstens Informationen aufzunehmen und sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, welche sie bisher stets empört von sich gewiesen hatten.

In diesem Sinne wage ich es hier als Gedankenanstoss, eine Politik für die Schweiz zu skizzieren, welche sich am Vorbild der französischen und finnischen Strategie “Erneuerbare + Atom” orientiert:

Wenn ein Grossteil des zusätzlichen Stroms (rund 45 Terawatt), den die Schweiz zur vollständige Dekarbonisierung (von Verkehr, Gebäude und Industrie) und für den Ersatz der alten AKW braucht, in heimischen Kernreaktoren produziert wird, ist nicht nur die Versorgungssicherheit der Schweiz unabhängig von Stromimporten gewährleistet. Es könnte auch dem Landschaftsschutz weitgehend Rechnung getragen werden. Unsere Landschaft müsste nicht “verspargelt” werden, wie in Deutschland; es bräuchte keine neuen oder grösseren Stauseen und keine viel Land beanspruchenden Gross-Solaranlagen.
Rein rechnerisch könnten 3 neue AKW und 5-6 regionale SMR schon lange vor 2050 den ganzen Strombedarf zur Dekarbonisierung der Schweiz liefern.

Es macht aber durchaus Sinn, einen Teil des zusätzlichen Strombedarfs durch Solar- und Windanlagen abzudecken.
Weil aber Solar- und Windstrom naturgemäss unregelmässig anfallen, muss eine gewisse Überkapazität geplant werden. Der Atomstrom würde einerseits als Back-Up für die neuen Erneuerbaren dienen in Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst.
Andrerseits würde sich daraus eine zusätzliche, höchst erwünschte Situation im Sinne der französischen Strategie ergeben:
Produzieren Solar- und Windanlagen bei idealen Wetterverhältnissen viel Strom, würde während dieser Zeit ein Teil des Atomstroms frei für die Produktion von Wasserstoff. Diese sogenannte “Blaue Energie” gilt Vielen als “Energieträger der Zukunft”. Allerdings braucht es für ihre aufwändige Herstellung viel Strom. Dieser könnte durch die zeitweiligen Stromüberschüsse produziert werden, idealerweise in einer Fabrik (die Franzosen nennen sie “Gigafactories”) in unmittelbarer Nähe der AKW, damit die bestehenden Stromleitungen genutzt werden können.

Wichtige Voraussetzung für eine Reform der Schweizer Energiestrategie2050 entlang der Formel “Erneuerbare + Atom”, wäre eine Straffung des heute aufwändigen und langjährigen Bewilligungsverfahrens nicht nur für die Wind- und Solaranlagen, sondern auch für die neuen Atomkraftwerke. Nur dann hätten die Investoren die nötige Planungssicherheit, welche sie für die Finanzierung so teurer Projekte brauchen.
Anngesichts der Dringlichkeit der raschen Dekarbonisierung wäre zumindest eine Teilfinanzierung aus staatlichen Mitteln wohl auch vertretbar.

Auf dem internationalen Nuklearmarkt gibt es zurzeit eine ganze Reihe von Anbietern, welche wohl noch so gerne AKW in der Schweiz bauen würden. Natürlich wäre eine Kooperation mit unserem Nachbarn Frankreich naheliegend. Aber die Erfahrung mit dem EPR sind schlecht, nicht nur in Finnland, auch in Grossbritannnein und in Frankreich selbst. Südkorea würde sich anbieten; auch China oder Kanada.
Aber für die meisten Fachleute ist der finnische Weg der beste: eine Kooperation mit Russland. Der russische Exportschlager WWER-1200 hat international einen ausgezeichneten Ruf. Und auch im Bereich SMR hat Russland gute Karten.

Aber: Russische Atomkraft für die Schweiz? Geht das?
Ja, warum nicht?
Finnland hat auch Wege gefunden, nicht in eine ungesunde Abhängigkeit von Russland zu geraten. Und das Gas, das zur Rettung der Energiestrategie2050, respektive der Versorgungssicherheit der Schweiz nötig sein wird, kommt auch aus Russland.

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