Adrian Zschokke, Climate, Communication, Energy, Gastbeitrag, Nuclear Energy

Konvertiten

Gastbeitrag von Adrian Zschokke

Michael Shellenberger als Paulus (Grafik A. Zschokke)

Es ist gut, aus Fehlern zu lernen, seine Ansichten zu revidieren, aber wieso muss denn immer von der einen Gewissheit auf die nächste gesprungen werden?

Ältere Klimaaktivisten geisseln die übereifrigen, meist jungen, puristischen Aktivisten. Oft sind es Konvertiten, die früher selbst vehement für Maximalforderungen eingetreten sind. Wie Paulus, der erst die Christen gnadenlos verfolgte, um schliesslich einer der eifrigsten Missionare zu werden. Diese Kehrtwendung war mir immer suspekt, aber nun, das war schliesslich «Gottes Plan», da kann man nicht rechten.

Ein heutiger Konvertit ist Michael Shellenberger, Autor des Bestsellers «Apokalypse niemals». Ein sorgfältig recherchiertes Buch, soweit ich das beurteilen kann, das eigentlich Zuversicht verbreiten sollte, da er aufführt, wo die Warner falsch liegen und weshalb die Klimaerwärmung «nicht so schlimm ist». Shellenberger ist ein engagierter Befürworter der Atomenergie und wirbt unermüdlich auf allen Kanälen für sein neugefundenes Ziel. Ich teile seine Einschätzung der Atomenergie als wichtiger Pfeiler für den Ausstieg aus CO2 produzierenden Stromquellen, aber es stört mich, dass er nur noch diese eine Möglichkeit propagiert. Ich versuche, Atomenergie als Massnahme gegen die Klimaerwärmung einzubeziehen, und ich finde, Shellenberger sollte alle andern Massnahmen ebenfalls befürworten, sollte versuchen, unter allen, die sich für die Umwelt engagieren, neue Mitstreiter zu finden. Für Grabenkämpfe ist keine Zeit mehr. Wenn er jedoch in seinem Furor, die Atomenergie zu «retten», sogar dafür eintritt, dass die Welt wieder atomar aufrüsteten soll, weil nur so der Weltfriede bewahrt werden könne, dann  ist es leicht, seine guten Argumenten zu negieren und ihn in eine Feindesecke zu stellen.

Wenn er in seinem neueren Beitrag jetzt auch noch Soros angreift, weil dieser in erneuerbare Energien investiert, dann verschiebt er meiner Meinung nach den Focus seiner Erweckung endgültig in Richtung einer Trumpisierung. Und da Amerika sich seit diesem von einer Demokratie noch mehr zu einer Pseudokratie (pseudos heisst auf Griechisch Lüge) wandelt, finde ich dies unverzeihlich. Ich bezweifle zwar, dass Trump «Mein Kampf» gelesen hat, dennoch sind seine plumpen Lügen ganz in der Art der Nazis immer dreister wiederholt worden, bis sie auch von ursprünglichen Zweiflern für bare Münze genommen werden. Und was auch immer Shellenberg für – legitime, hoffe ich nach wie vor- Ziele hat, in diese Richtung will ich ihm unter keinen Umständen folgen.

Investitionen in «Erneuerbare» helfen, dass bspw. die Speichermöglichkeiten für Überflussstrom sich exponentiell verbessert haben, dass sich die Recyklierbarkeit von Batterien auf mittlerweile 60% gesteigert hat (während weder von Öl noch von Kohle auch nur ein Quäntchen je rezykliert wurde). Neue Textilien aus Pilzen oder Kaktus, ökologischer Beton, Sand aus Recycle-Glas und, und, und… werden damit gefördert und spriessen glücklicherweise allenthalben hervor. Selbstverständlich werden die Finanzgiganten Tom Steyer, Michael Bloomberg und George Soros ihre Investitionen propagieren, aber, und das weiss Shellenberger aus seinem Kampf für die Atomenergie nur zu gut, die grossen Ölkonzerne investieren nach wie vor riesige Mittel, um die Klimakrise zu leugnen und auf «good clean oil» zu verwiesen. Und wenn Shellenberger schliesslich in seinem Bestseller «Apocalypse never» alle Schreckenszenarien kleinredet, so erinnert er mich an die Coronaskeptiker, die jede Statistik, die nun von praktisch jeder Administration weltweit für glaubwürdig erachtet wird, mit einer Besessenheit zerpflücken, die nur ein wahrer Eiferer aufzubringen vermag.

Ebenso geht es mir mit David Zaruk, dem «risk monger». Er kritisiert die Glasgower Klimakonferenzresultate, weil «die da oben» sich von den verwöhnten Kids haben vereinnahmen lassen. Wenn jemand schreibt: mir geht es ja gut, ich habe Sonnenkollektoren aufs Dach montiert, ich kanns mir leisten, einen Tesla zu kaufen, um sich anschliessend mit den ökonomisch Schlechtergestellten zu «solidarisieren», weil keiner von den Klima-Kids je eine Elektrizitätsrechnung bezahlt habe, so halte ich das für eine plumpe Anbiederung.

Erstens sind die «Klimakids», die ich kenne jedenfalls, keine verwöhnten Muttersöhnchen und verzichten durchaus auf Bequemlichkeiten im Leben, weil sie die Bedrohung der Klimakrise ernst nehmen. Die wenigsten von ihnen besitzen ein Auto, viele sind Vegetarier oder vegan unterwegs, sie sind oft so ernsthaft wie ich mir Shellenberger und Zaruk in ihrer Jugend vorstelle, und auch sie sind mir manchmal allzu missionarisch. Aber sie legen den Finger auf die wunden Punkte und ohne «Gretas» wären wir in der Umweltfrage bestimmt weniger weit gekommen.

Zweitens sind die Kosten für Energie, die vermutlich noch mehr steigen, wohl eine Irritation für alle. Allerdings auch ein Antrieb, diese Kosten, die unser Budget bis anhin wenig belasteten, überhaupt in Betracht zu ziehen. Ganz nebenbei müssen viel Staaten mit Benzinpreisen zurechtkommen, die ein 10faches der Preise in unseren Ländern ausmachen, bspw. beinah alle Länder südlich der Sahara. Dasselbe gilt für die Nahrungsmittelkosten. Ich spreche als einer, der als Schweizer grundsätzlich auf der Sonnenseite steht, aber auch als einer, der mit weniger als einem Durchschnittslohn im Monat lebt. Und ich beobachte, wie Bekannte in meinem Umfeld Prioritäten setzen. Und da stehen SUV ganz oben, PCs, elektronische Gadgets, grosse Bildschirme fürs Heimkino. Aber Biolebensmittel oder Fair Trade T-shirts sind «zu teuer». Ich gönne allen ihre Spielzeuge, auch ich besitze viel zu viele davon, aber wenn ich nun für Fleisch nach Deutschland fahre, um dort billig einzukaufen und mich anschliessend über die steigenden Benzinpreise aufrege, dann stimmt es für mich nicht mehr.  Und ich bin überzeugt: Nur so lange die Klimaaktivisten, selbst wenn einige von ihnen aus privilegierten Familien stammen, ihren Druck aufrechterhalten, bequemt sich die Autoindustrie, endlich Fahrzeuge zu bauen, die weniger CO2 ausstossen. Und nur wenn uns allen die Dringlichkeit des Problems eingehämmert wird, sind wir auch bereit, bei Spielzeugen, Kleidern, Nahrungsmittel darauf zu achten, wie und wo sie hergestellt wurden. Deshalb möchte ich auch Zaruk zurufen: Jede Anstrengung, das CO2 Ziel zu erreichen, ist notwendig und wichtig. Subventionen, die bestimmt nötig sind in gewissen Fällen, um die Kosten des Umbaus abzufedern, sind nun wirklich kein Argument, um davor zu warnen. Denn, das hat die COVID Pandemie gezeigt: Geld ist vorhanden. Und wenn die ungeheuren, obszönen Gewinne, die in diesen zwei Jahren eingefahren worden sind und die sich an den steigenden Börsenindices spiegeln, taxiert würden, bspw. durch die – längst notwendige und selbst von konservativeren Ökonomen befürworteten – Transaktionssteuer, dann können sie problemlos abgemildert werden.

Wenn Zaruk das Gespenst der Gelbwesten aufruft, so meine ich: Es sind nicht die finanzschwächsten, die am lautesten meckern, kaum müssen sie sich etwas einschränken, sondern die Mittelklasse, die ihre Angst, ihren Status zu verlieren, lautstark artikuliert.

Eben hat in der Schweiz eine Abstimmung stattgefunden: In Zürich wurde ein Richtplan angenommen, der von der NZZ und andern rechtsliberalen Publikationen quasi als stalinistische Enteignung dämonisiert wurde und Privathaushalten leichte Einschränkungen auferlegt. Es ist wohl unumstritten, dass wir reichen Länder überproportional viel CO» ausstossen. Obschon der Kampf um die Verminderung von Treibhausgasen in den «Entwicklungsländern» gewonnen wird: Selbst wenn es blosse Symbolpolitik ist, dass man sich den «Klimakids» anpasst, der Druck muss aufrecht erhalten bleiben. Und der Einsatz eines Zaruk für die «working class», scheint mir mindestens so fragwürdig wie die vollmundige Ankündigung von Nestle/Shell etc für ihre Politik der Nachhaltigkeit.  

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