Energy, Nuclear Energy, Schweiz

AKW Gösgen und Leibstadt: 80 Jahre Laufzeit

AKW Leibstadt (Bild: KKL)

Die Schweiz hat bei aller politischen Hektik nach der Katastrophe von Fukushima 2011 einen weisen Entschluss gefällt: „Die Schweizer AKW sollen so lange laufen, wie sie sicher sind.“
(Leider hat die BKW das AKW Mühleberg aus politischen Gründen viel zu früh vom Netz genommen.)

Bei der Planung der Energiestrategie2050 rechneten die Bundesbehörden mit einer Laufzeit der AKW von 50 Jahren. Heute geht man praktisch stillschweigend (warum eigentlich?) von rund 60 Jahren aus.

Tatsächlich dürfte der Reaktor Beznau 1 nach rund 60 Betriebsjahren aus technischen Gründen (die Versprödung des Stahls des Reaktordruckbehälters) an seine Laufzeitgrenze kommen (rechnerisch als 2029). Beznau 2 ist 2032 60-jährig. Betriebswirtschaftlich logisch ist es, beide Beznau-Reaktoren gleichzeitig ausser Betrieb zu nehmen. Entscheidend für den tatsächlichen Betriebsschluss der beiden Reaktoren, dürfte aber der tatsächliche Zustand des Druckbehälters von Beznau 1 Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre sein.

Bei den beiden grössten AKW der Schweiz, Gösgen (1979 in Betrieb genommen) und Leibstadt (1984), spricht aus heutiger Sicht nichts dagegen, dass sie ohne Sicherheitsabstriche 80 Jahre betrieben werden können.
Es stimmt, die Schweizer AKW wurden ursprünglich mit einem Planungshorizont von 40 Jahren gebaut. Diese 40 Jahre waren aber als garantierte Mindestlaufzeit und niemals als maximale Betriebsdauer gedacht.
Inzwischen haben Betreiber und Aufsichtsbehörden weltweit 40 Jahre Erfahrung mit den Nuklearanlagen gesammelt und können den Zustand der verschiedenen Anlage-Komponenten sehr gut beurteilen. Es hat sich gezeigt, dass die Annahmen des ursprünglichen Planungshorizonts von 40 Jahren viel zu pessimistisch waren. Die AKW altern deutlich besser als ursprünglich angenommen.

Unter den Fachleuten, welche die Anlagen wirklich kennen, herrscht seit einiger Zeit international Konsens, dass die allermeisten „alten“ AKW sehr wohl 80 Jahre betrieben werden können. Man hat es nur politisch für nicht opportun gehalten, öffentlich darüber zu reden.
Weniger Hemmungen hat man da in den USA. Dort haben inzwischen schon mehrere AKW eine Verlängerung der Betriebszeit auf 80 Jahre erhalten. Weitere entsprechende Bewilligungen sind in der Pipeline der zuständigen Behörden. Spezialisten des US-Energieministeriums kommen aufgrund aufwändiger Forschungen zum Schluss:“U.S. nuclear plants are proving that age is really just a number”.
Und die US-amerikanische Aufsichtsbehörde NRC bereitet sich inzwischen schon auf möglich Gesuche der Betreiber für 100 Betriebsjahre vor.

Die technischen Voraussetzungen für einen Langzeitbetrieb der Schweizer AKW Gösgen und Leibstadt für 80 Jahre (oder gar mehr?) sind sogar deutlich besser als bei den amerikanischen Kraftwerken: In der Schweiz wurden die AKW ständig weiter sicherheitstechnisch nachgerüstet – anders als in den USA, wo seit Jahrzenten immer nur das absolut Notwendige gemacht wurde.

Eventuelle weitere (kleine) Nachrüstungen vorausgesetzt, kann es deshalb sehr wohl verantwortet werden, dass die beiden grossen Schweizer AKW 80 Jahre betrieben werden.

Das heisst, das AKW Gösgen könnte bis ca. 2060 weiter jedes Jahr rund 8 Terawattstunden CO2-freien Strom liefern (rund doppelt so viel wie alle in der Energiestrategie2050 geplanten Windkraftanlagen), das AKW Leibstadt bis zirka 2065 rund 10 Terawattstunden – zusammen also weiterhin jährlich rund 18 Terawattstunden.

Man schätzt, dass für eine völlig dekarbonisierte und elektrifizierte Schweiz (inkl. Verkehr, Industrie und Gebäude) bis 2050 rund 85 Terawattstunden Strom benötigt werden.
Rund 40 Terawattstunden davon können weiterhin die Wasserkraftwerke ohne nennenswerten Zubau liefern.
Es bliebe also nach der bisher geplanten Ausserbetriebnahme der AKW nach 60 Betriebsjahren ein zusätzlicher Bedarf von rund 40 bis 45 Terawattstunden CO2-freiem Strom.

Werden die AKW Gösgen und Leibstadt nicht nach 60 Jahren vom Netz genommen und liefern über 2050 hinaus weiterhin jährlich 18 Terawattstunden, sind „nur“ noch zusätzliche Kapazitäten von 22 – 27 Terawattstunden an CO2-freiem Strom (u.a. aus Solar und Wind) zu erschliessen – rund 40 Prozent weniger als bisher errechnet.

Das macht die Aufgabe einer Dekarbonisierung der Schweiz bis 2050 doch wesentlich leichter, respektive das gesetzte Ziel scheint erreichbarer.

Vorallem aber erlaubt eine solche Laufzeitverlängerung der AKW einen viel gelasseneren Umgang mit den Herausforderungen der Energiepolitik.

PS:
Und angesichst der rosigen Perspektiven der Preise für CO2-freien Strom werden diese längst amortisierten Kernkraftwerke ihren Besitzern (Stadt Zürich und die Kantone Zürich, Aargau, St. Gallen, Schaffhausen, Glarus und Zug) noch sehr lange als eigentlich Cashcows dienen.

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