Climate, Energy, Nuclear Energy

Die fatale Angst vor der radioaktiven Strahlung (I)

(Foto: Greenpeace)

Robert Habeck, Simonetta Sommaruga, Eric Nussbaumer, Reto Knutti, meine Nachbarin, mein Schwager und überhaupt fast alle meine Freunde und Bekannten haben eines gemeinsam: sie haben Angst vor der Radioaktivität.

Und ihre Angst vor der Radioaktivität ist der Grund dafür, warum die Atomenergie selbst in Zeiten des dringenden Bedarfs an CO2-freier Energie zur Begrenzung des Klimawandels nicht genügend genutzt oder gar noch immer bekämpft wird.

Zurzeit scheint allerdings ein Wandel im Gang: Immer mehr Leute, die bisher atom-skeptisch bis -ablehnend waren, machen eine neue Risikoabwägung: Fukushima ist weit weg, präsent sind der Klimawandel und die Angst vor Energieengpässen bis hin zu einem Blackout. Angesichts dieser Risiken, scheint ihnen die Nutzung der Atomenergie nicht mehr so bedrohlich.

In der atomfeindlichsten Gesellschaft der Welt, in Deutschland, sind inzwischen satte 78 Prozent der Bevölkerung dafür, die letzten deutschen Kernkraftwerke nicht wie geplant Ende dieses Jahres endgültig vom Netz zu nehmen. Und schon 41 Prozent sind gar für den Neubau von AKW.

Ganz ähnlich dürfte sich auch die Risikoeinschätzung in der Schweiz in den letzten Jahren und Monaten verschoben haben.

Im kommenden Herbst wird in der Schweiz die NAGRA bekannt geben, wo sie ein Tiefenlager bauen will, weil sie diesen Standort als geeignetsten befunden hat.

Wir dürfen davon ausgehen, dass die Atomenergiegegner bei der Gelegenheit versuchen werden, die Angst vor der Radioaktivität wieder zu mobilisieren und zu bewirtschaften; nicht zuletzt aus dem Bedürfnis, die Abnahme der Skepsis gegenüber der Atomenergie in der Bevölkerung zu bremsen. Immerhin ist für ganz Viele die Sorge um den nuklearen Abfall noch immer das wichtigste (letzte?) Argument gegen die zivile Nutzung der Atomenergie. Der Bau eines Tiefenlagers würde eines der zentralen Argumente der Anti-Atom-PR vernichten: Solange man keine Lösung für den radioaktiven Abfall habe, heisst es, könne gar nicht über den Bau von neuen AKW nachgedacht werden.

Wäre ich ein Berater der Grünen Bewegung und ihrer Exponenten in der Politik, würde ich ihnen allerdings empfehlen, das Thema möglichst klein zu halten. Das Risiko ist gross, dass die Anti-Atom-Bewegung nicht mehr die absolute Deutungshoheit in der Frage der Nutzung der Atomenergie hat und dass viele bisher nuklearskeptische Leute heute offen für Informationen sind, welche geeignet sind, ihre Angst vor der Radioaktivität zu relativieren. Die Bereitschaft Vieler steigt, die wissenschaftlichen Fakten zu akzeptieren:

Das Gesundheitsrisiko, das von der nuklearen Strahlung ausgeht, ist bei weitem nicht so gross wie befürchtet.

Mit der Radioaktivität ist es nicht anders als mit “normalen Substanzen”: Es kommt auf die Dosis an. Hohe Dosen sind gefährlich, kleine Dosen nicht.

Wir alle sind ständig radioaktiver Strahlung ausgesetzt. In der Schweiz leben wir zum Beispiel im Durchschnitt mit einer jährlichen “Strahlenexposition” aus natürlicher und “künstlicher” Strahlung von rund 6 mSv. Es gibt allerdings Regionen in der Schweiz, in denen die Menschen problemlos auch mit wesentlich grösseren jährlichen Strahlenbelastungen leben.

Die offizielle Doktrin der internationalen Strahlenschutzkommission ICRP, nach der sich auch alle internationalen Empfehlungen und alle nationalen Gesetzgebungen und Regularien (inkl. Grenzwerte) richten, wenden allerdings ein Modell mit dem Namen LNT an, dass davon ausgeht, dass selbst minimalste Dosen gefährlich sein können. Dieses Modell widerspricht aber allen bisherigen Erfahrungen, konnte in zahlreichen, aufwändigen Studien nie nachgewiesen werden und ist wissenschaftlich umstritten.
Professor Werner Rühm, Vorsitzender des Komitee 1 “Radiation Effects” der ICRP formuliert es so:

“Ob niedrige Strahlendosen gefährlich sind, ist wissenschaftlich umstritten. Klar aber ist: wenn es diese Gefahr überhaupt gibt, muss sie klein sein – sonst wäre sie schon längst bewiesen.”

Prof. Werner Rühm, Leiter Komitee 1 “Radiation Effects” ICRP

Das heisst aber auch: Dosen, mit denen die breite Bevölkerung selbst in einem Katastrophenfall konfrontiert ist, gefährden unsere Gesundheit nicht.
In Fukushima ist niemand (0) wegen einer erhöhten Strahlendosis gestorben oder auch nur gesundheitlich beeinträchtigt worden. Kein Wunder: 99.8 % der Bevölkerung, die 2011 von der Strahlung aus dem beschädigten AKW in Mitleidenschaft gezogen wurden, haben eine Strahlendosis von weniger als 5 Millisievert erhalten. Das ist eine kleinere Dosis als wir Schweizer im Durchschnitt pro Jahr (rund 6 mSv) abbekommen!

Fukushima hat allerdings ein politisch hoch brisantes Faktum der Forschung zu Tschernobyl bekräftigt: Die grösste Gefahr bei einem Atomunfall geht nicht von der Strahlung an sich aus, sondern von der Angst davor. Massnahmen, die eigentlich zum Schutz der Bevölkerung gemeint waren – die überhastete, vorsorgliche und grossflächige Evakuierung und Langzeitverbote zur Rückkehr in den betroffenen Gebiete – haben bisher mehr als 2000 Opfer gefordert. Die Angst und der “psychologische Stress” haben sie getötet.

Die übertriebene Angst vor der Strahlung – die Radiophobie – schadet mehr als sie nützt.

Dies gilt nicht nur im Bereich des persönlichen Gesundheitsschutzes, sondern nicht zuletzt auch in der Klimapolitik: Die Welt braucht die praktisch CO2 freie Energiequelle Atom, um das Problem der Klimaerwärmung einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Und wenn wir der Frage nach dem Grund für die übertriebene Angst vor der nuklearen Strahlung nachgehen, sind wir auch mit der Schuldfrage konfrontiert: wer ist “Schuld” an der kontrapoduktiven, schädlichen und gefährlichen Radiophobie?
Die soll aber (u.a.) der Inhalt eines nächsten Posts sein.

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