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Saporischschja: Selbst bei einer Verstrahlung kann eine humanitäre Katastrophe verhindert werden!

Die IAEA-Exerten-Delegation für Saporischschja (Bild IAEA)

IAEA-Generaldirektor Raphael Grossi twittert, er werde „später in dieser Woche“ mit einer Expertenmission im AKW Saporischschja sein. Hoffen wir, dass das tatsächlich klappt.
Wir können davon ausgehen, dass das IAEA-Team nicht nur den Zustand der Sicherheitssysteme und des Personals überprüfen wird, sondern dass der Generalsekretär die Gelegenheit für dringliche Botschaften an die Weltöffentlichkeit und die Kriegsparteien nutzen wird.
Maximal wäre es, wenn Grossi eine Demilitarisierung des AKW-Geländes und der dazugehörigen Energiestadt Enerhodar verlangen würde; gesichert von einer UNO-Militärmission.

Ich mache mir allerdings keine Illusionen. Umso mehr hoffe ich, dass Raphael Grossi sich diesmal nicht weiter im Gleichklang mit der Propaganda der Kriegsparteien darauf beschränkt, vor einer Katastrophe zu warnen und damit die grosse Angst der Menschen der Region weiter zu verstärken. Er sollte sich vielmehr primär mit einer ehrlichen, aber versichernden Botschaft an die lokale Bevölkerung wenden:

  • Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um eine Freisetzung von Radioaktivität zu verhindern. Allerdings können wir nicht ausschliessen, dass dies trotzdem geschieht und ihr in Mitleidenschaft gezogen werdet.
  • Dies wird aber keineswegs die „Apokalypse“ oder „ein zweites Tschernobyl“ sein – und auch keine zweites Fukushima.
  • Euer Leben ist nicht in Gefahr und auch eure Kinder werden keine gesundheitlichen Schäden erleiden, wenn ihr minimale Vorsichtsmassnahmen, die wir euch empfehlen, einhaltet.
  • Vertraut uns! Wir haben unsere Lektionen aus den früheren Katastrophen gelernt. Wir wissen, was zu tun ist!

Der IAEA-Generalsekretär müsste damit eine grosse Informationskampagne starten, mit welcher die internationale Nuklearsicherheitsgemeinschaft die Bevölkerung in den folgenden Tagen und Wochen über die tatsächlichen Risiken einer radioaktiven “Fukushima-ähnlichen” Freisetzung aufklären kann; ganz konkret über die wahrscheinlichen Auswirkungen auf das Leben der Menschen in dem von der Strahlung betroffenen Gebiet.

Die IAEA müsste die wahre Geschichte von Fukushima erzählen mit allen, teils unangenehmen Fakten, welche zwar in offiziellen und öffentlich zugänglichen Analysen und Berichten zu finden sind, aber nie so laut öffentlich verkündet wurden, dass sie von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden konnten.

Das wichtigste Faktum:
Die Strahlenbelastung im Raum Fukushima war selbst in den Gebieten, auf die der Fallout aus der radioaktiven Wolke niederging, GERING.

Selbst, wenn die Bevölkerung in diesen Gebieten nicht evakuiert worden wäre und ganz normal vor Ort weitergelebt hätte, hätte niemand eine gesundheitsgefährdende Strahlendosis erhalten.
Die höchste Dosis, welche durch die Evakuierung vermieden wurde, betrug im ersten Jahr nach der Freisetzung nur 51 Millisievert (UNSCEAR Report 2013), wobei der grösste Anteil davon in den ersten Tagen und Wochen unmittelbar nach der Freisetzung anfiel.

Diese 51 Millisievert sind aber gerade mal die Hälfte der Dosis von 100 Millisievert, ab welcher eine Beeinträchtigung der menschlichen Gesundheit überhaupt (wenigstens) statistisch berechenbar wird.

Tabelle UNSCEAR Report 2013 „Avoided Dose Fukushima“

Als Vorsichtsmassnahme, von der wir heute wissen, dass sie übertrieben war, sind die Bewohner der betroffenen Region in Fukushima vorsorglich grossflächig evakuiert worden und haben deshalb noch viel kleinere Dosen erhalten, als wenn sie geblieben wären. Nur logisch, dass von der gesamten betroffenen Bevölkerung niemand (0 Personen) wegen der radioaktiven Strahlung krank geworden oder gar gestorben ist.

Trotzdem sind bisher mehr als 2000 Menschen an den Folgen der Reaktorkatastrophe von Fukushima gestorben. Nicht an der direkten Auswirkung der Strahlung, sondern aufgrund der Massnahmen, welche von den japanischen Behörden angeordnet wurden in der Absicht, die Menschen vor der Strahlung zu schützen.
Die ersten Opfer forderte schon die überstürzte Evakuierung: meist ältere Menschen, welche den Abtransport aus den Spitälern ohne die nötige medizinische Betreuung nicht überlebten.
Der Grossteil der Todesfälle ist aber den psycho-sozialen Folgen der Evakuierung und Umsiedlung geschuldet: Es gab zunächst zwar erstaunlich wenig Selbstmorde oder Abtreibungen, aber viele Menschen vegetierten teils Jahre in überfüllten Auffangzentren und Notunterkünften ohne Perspektive, weil die japanischen Behörden eine rasche Rückkehr auch in die nur leicht verstrahlten Gebiete lange nicht erlaubten. Viele verloren die Lust am Leben, litten (und leiden) unter Depressionen und Angstzuständen, gaben sich dem Alkoholismus hin („Ich sterbe ja sowieso bald an den Strahlenfolgen“) oder wurden fettleibig. In den Spitälern der Region werden heute noch Patienten mit Krankheiten behandelt, die mit grosser Wahrscheinlichkeit psychosomatisch sind.
Diese indirekten Folgen sind die eigentliche Katastrophe von Fukushima – und diese humanitäre Katastrophe dauert bis heute an.

Verkürzt kann man sagen: Nicht die Strahlung tötet, sondern die Angst davor.

Es gilt in der Nuklearwissenschaftsgemeinschaft kaum mehr als umstritten, dass die Massnahmen, welche in Fukushima zum Schutz der Bevölkerung ergriffen wurden, mehr geschadet als genützt haben. In Japan wurde 2011 das wohl wichtigste Prinzip des Katastrophenmanagements verletzt: Eine Massnahme muss gerechtfertigt sein («Justification»); sprich, sie darf nicht ergriffen/angeordnet werden, wenn sie droht, mehr zu schaden als zu nützen. Dies gilt für alle Katastrophen, sei es eine Pandemie, eine Natur- oder eine Industriekatastrophe.

In Japan haben die zuständigen Behörden vor lauter Angst vor der Strahlung den Blick für andere Risiken, die ihre Massnahmen mit sich brachten, verloren.

Dieser gravierende Fehler darf in der Südukraine nicht erneut passieren.

Ich weiss, es herrscht Krieg in der Region Saporischschja. Aber trotzdem scheinen mir die Voraussetzungen für eine Vorbereitung und Aufklärung der potenziell betroffenen Bevölkerung nicht so schlecht: Wohl alle Leute in der Region wissen, dass das Risiko einer Freisetzung in den nächsten Tagen und Wochen besteht. Anders als in Tschernobyl und Fukushima kommt das Ereignis nicht überraschend. Die Bevölkerung und die lokalen Behörden sind mit Sicherheit sensibilisiert – vermutlich eben bereits verängstigt. Auch in einem Kriegsgebiet kann die Bevölkerung zumindest über die nach wie vor funktionierenden elektronischen Medien mit Informationen erreicht werden.  Sowohl die Russen wie die Ukrainer müssen an einer solchen Kampagne interessiert sein. Sie schützen nicht nur die Menschen, welche in einem Gebiet leben, dass sie für sich beanspruchen, sondern nicht zuletzt auch ihre Soldaten, die in dem Gebiet weiter kämpfen müssen.

Ich glaube auch, die Bevölkerung in der Südukraine ist bereit, den Informationen zu glauben und die Empfehlungen aufzunehmen. Zwar sind insbesondere älteren Menschen sicher noch immer traumatisiert von der Tschernobylkatastrophe, auch wenn sie damals weit ab von den verstrahlten Regionen im Norden lebten. Und auch in der Ukraine hat man 2011 ein übertrieben negatives Bild der Katastrophe von Tschernobyl vermittelt bekommen. Aber das Vertrauen in die Wissenschaft und nicht zuletzt auch in die Gremien der internationalen Nuklearsicherheitsgemeinschaft ist grössere als bei uns „im Westen“.

Vorallem leben die Menschen in der Südukraine seit Monaten unter dem extremen Stress des Kriegs. Sie werden mit einiger Wahrscheinlichkeit gerne bereit sein, versichernde Informationen zu glauben und behördlichen Empfehlungen zu folgen.

Eine vom Staat organisierte Evakuierung wie in Fukushima wäre kontraproduktiv und unter den Kriegsbedingungen in der Südukraine sowieso unmöglich.

Voraussetzung für die Bereitschaft der Leute zu bleiben, ist die Aufrechthaltung einer minimalen Infrastruktur und Dienstleitungen, wie es sie trotz des Kriegs bisher an den meisten Orten gibt: Eine Grundversorgung an lebenswichtigen Gütern (Lebensmittel, Benzin/Diesel, Strom, etc.) und eine gewisse medizinische Versorgung. Dies alles sollte möglich sein, denn auch das Militär (russisch oder ukrainisch) wird wohl kaum bald abziehen und muss mit dem Nötigsten versorgt bleiben.

Zurück zur möglichen IAEA-Mission nach Saporischschja:

Auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, dass eine Freisetzung von Radioaktivität höchst unwahrscheinlich ist, weil beide Kriegsparteien kein Interesse daran haben können, verstehe ich trotzdem nicht, warum die IAEA nicht schon seit Wochen alle Hebel in Kraft setzt, dass die nötige Vorbereitung zur Bewältigung der Auswirkungen einer möglichen Freisetzung getroffen werden.

Ich hoffe, dass die IAEA in den letzten Tagen und Wochen im nicht-medialen Hintergrund an der Vorbereitung des Notfalls gearbeitet hat. Ich hoffe, dass Generalsekretär Grossi spätestens in Saporischschja der Welt und der Bevölkerung der Region aufzeigen wird, dass in der Südukraine eine humanitäre Katastrophe wie in Fukushima verhindert werden kann, selbst wenn es zu einer Freisetzung kommen sollte – wenn wir wollen, wenn jetzt die zuständigen Behörden nicht in Panik geraten und das, was wir aus den früheren Katastrophen gelernt haben in die Praxis umgesetzt wird.

Übrigens:

Eine Informationsoffensive der IAEA, wie ich sie beschreibe, würde nicht nur den potenziell betroffenen Menschen in der Ukraine helfen.
Sie hätte weltweit einen grossen medialen Widerhall. Sie würde der internationalen Nuklearsicherheitsgemeinschaft die Chance bieten, die Deutungshoheit im Bereich des nuklearen Katastrophenschutzes zurückzugewinnen, welche sie in Tschernobyl und Fukushima verloren hat.
Dies ist eine nicht ganz unwichtige Voraussetzung, um künftige Reaktorunfälle zu bewältigen, mit welchen angesichts der aktuellen Renaissance der Atomenergie und dem Bau zahlreicher AKW weltweit gerechnet werden muss.
Nicht zuletzt würde damit gezeigt, dass wegen den AKW nicht ständig die Apokalypse droht; dass die Nukleartechnologie keine “Hochrisikotechnologie” ist, die viel gefährlicher als anderer Technologien zur Energiegewinnung ist.
Dadurch würde auch die Akzeptanz der Atomenergie im Kampf gegen den Klimawandel gestärkt.

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