Geschichte, Wilhelm von Hachberg

Wilhelm von Hachberg-Rötteln, Landvogt der österreichischen Vorlande 1437 – 1447

Vorbemerkung 1:
Dies ist ein Artikel, den ich im Herbst 2024 für die “Gazette” der Basler Elsassfreunde geschrieben habe. Ich habe ihn inzwischen gründlich überarbeitet, stark erweiterte und mit den für eine wissenschaftliche Publikation geforderten Fussnoten versehen. Man macht mir Hoffnung, dass dieser Artikel in der Ausgabe 2026 der “Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins” (ZGO) gedruckt wird. Weil die wissenschaftliche Zeitschrift Wert auf eine Erstveröffentlichung legt, habe ich den Artikel mit dem Titel “Wilhelm von Hachberg-Rötteln, der die Armagnaken ins Land rief” zwar ebenfalls hier auf meinen Blog Contextlink gestellt, allerdings geschützt von einem Passwort. Interessierte können den Code via die Kommentarspalte unter dem Link bestellen.

Vorbemerkung 2:
Die Redaktion der Gazette der Elsassfreunde hat den etwas reisserischen Untertitel
Der Schlossherr von Rötteln als Strippenzieher in den Machtkämpfen am Oberrhein” gesetzt. Interessanterweise hat der amerikanische KI-Podcast, den ich vom ZGO-Artikel habe erstellen lassen, im Untertitel den “Powerbroker” verwendet, den man auf Deutsch ja etwa mit “Strippenzieher” übersetzen kann.

Wilhelm von Hachberg zu Pferd im Alter von ca. 25 Jahren (KI-generiert mit den Angaben von Andrea Müller)


Wilhelm von Hachberg. Kaum jemand kennt heute auch nur noch seinen Namen. In der neuen „Stadt.Geschichte.Basel“, die im Frühjahr 2025 erschienen ist, kommt er nicht vor. Und selbst auf seiner Heimatburg Rötteln am Eingang zum Wiesental, wo er 1406 in eine der vornehmsten Familien am Oberrhein geboren wurde, findet sich kein Hinweis auf ihn.
Wer sich aber auf Wilhelm von Hachberg einlässt, entdeckt eine der faszinierendsten Figuren unserer Geschichte. Er war ein Vollblutpolitiker seiner Zeit. Heute würde man ihn wohl als „umstritten“ bezeichnen.

Nicht ganz zufällig stand sein Name im Sommer 1445 zuoberst auf der Liste der Adligen, welche die Basler Regierung auf Lebzeiten aus der Stadt verbannte. Der Vorwurf: Kooperation mit den Armagnaken.

Schriftzug “Marggraff Wilhelm von Hochperg Herre zu Röteln” in der Originalurkunde vom 21. Juli 1445 zur Ausweisungsverfügung der pro-österreichischen Adligen aus Basel; Staatsarchiv Basel-Stadt, Zunftarchiv Schiffleuten Urkunde 5

Diese hatten bekanntlich im Sommer zuvor in der Schlacht von St. Jakob an der Birs ein Massaker an rund 1500 Eidgenossen angerichtet.

Schlacht bei St. Jakob an der Birs wie sie der Berner Historiker Tschatlan dargestellt hat
Schlacht bei St. Jakob an der Birs 1444 “Berner Chronik” Benedikt Tschachtlan (Wkimedia Commons)

Markgraf Wilhelm von Hachberg vorzuwerfen, er sei am „Einfall“ der Armagnaken „beteiligt“ gewesen, wie es in der offiziellen Urkunde heisst, war eine masslose Untertreibung. Er war es, der als oberster Beauftragter des römisch-deutschen Königs Friedrich III. im „Alten Zürichkrieg“ das berühmt-berüchtigte Söldnerheer des französischen Königs ins Land gerufen und damit nicht nur die Sicherheit der Stadt Basel akut gefährdet, sondern auch Tod und Verwüstung über die Region und insbesondere das Elsass gebracht hatte.

Das kam so:

Als Wilhelm von Hachberg 1428 die Regentschaft über das Markgräflerland antrat, war der Grossraum Oberrhein ein geostrategischer Hotspot, in dem die Interessen der Grossmächte Österreich, Burgund, Frankreich und der aufstrebenden Eidgenossen aufeinandertrafen. Und mittendrin tagte ab 1431 in Basel das grosse Kirchenkonzil, eine Grossereignis von alles überragender politischer Bedeutung für die damalige (christliche) Welt – eine ideale Plattform für eine brillante Karriere des jungen Herrn von Rötteln im Dienst aller mächtigen Player am Oberrhein:

Er vermittelte im Auftrag des Konzils im Krieg Österreichs gegen Burgund um den Sundgau, diente Burgund als Gesandter beim Konzil und war dann Kaiser Sigmunds Stellvertreter bei der Kirchenversammlung und deren oberster Sicherheitschef.
1436/37 stellte sich Hachberg ganz in den Dienst Österreichs: Herzog Friedrich IV., habsburgischer Landesherr der Vorlande bis 1439, ernannt ihn zunächst zum obersten Hauptmann der Vereinigung der Ritterschaft am Oberrhein, die mit der Stadt Basel in einem Dauerkonflikt um die wichtigsten Herrschaftsrechte (Zölle, Gerichte, Geleit, etc.) in der Region stand. 1437 machte er ihn auch zum Landvogt der österreichischen Vorlande im Elsass, Breisgau und Schwarzwald bis an die obere Donau und bis Waldshut- Weil die österreichischen Landesherren damals in Machtkämpfen im Osten gebunden waren, liessen sie Hachberg die Vorlande bis 1444 weitgehend selbständig regieren.

König/Kaiser Friedrich III. (von Habsburg) 1415 – 1493 (Wikimedia Commons)

Mit der Wahl des Habsburgerherzogs Friedrich V. (als König Kaiser Friedrich III.) zum Reichsoberhaupt 1440 erreichte Wilhelms Karriere eine neue Dimension: Friedrich hatte noch vor der Annahme seiner Wahl öffentlich erklärt, dass eines seiner Regierungsziele, die Rückgewinnung der habsburgischen Stammlande im Aargau war. Er wusste auch, dass alle von ihm endlich eine Lösung für den Krisenherd im deutschen Südwesten erwarteten. Nur logisch, dass er sich an seinen Landvogt vor Ort, Wilhelm von Hachberg wandte.

Im Rahmen der Feierlichkeiten seiner Krönung in Aachen im Juni 1442 beurkundete König Friedrich ein „Bündnis mit Zürich“, welches mit seinen geheim gehaltenen Zusatzverträgen tatsächlich ein Umstrukturierungsprogramm für den deutschen Südwesten war.

Die Reichsstadt Zürich, die seit 1437 im Krieg mit ihren eidgenössischen Bundesgenossen (und Österreich) stand, sollte als Bündnispartner zur Rückgewinnung der habsburgischen Stammlande südlich des Rheins genutzt und als Angelpunkt für eine Neuordnung des Südwestens instrumentalisiert werden – defacto einer Ausdehnung der österreichischen Vorlande bis zum Bodensee und Vorarlberg, wobei der Adel eine dominierende Rolle spielen sollte.

Hellrot: Die erweiterten österreichischen Vorlande in Verbindung mit Tirol, wie sich das Landvogt hahcberg in seinem “Plan Aachen” in etwa vorgestellt haben dürfte.
Dunkelrot: Der Flickenteppich der österreichischen Vorlande wie er nach dem Scheitern angedachten Umstrukturierung des Südwesten weiter Bestand hatte.
Produktion der Karte: A. Müller/O. Grieder auf der Basis einer Karte von Wilhelm Baum

Alle Politinsider, auch in den Reihen der Eidgenossen, wussten damals, dass dieses „Bündnis“ nicht das Werk des Königs, sondern „seiner süddeutschen Räte“ unter Führung von Wilhelm von Hachberg war.
Henman von Offenburg, Basler Financier der deutschen Könige und auch Intimus am Hof Friedrichs beschreibt Hachbergs damaligen Status im engsten Umfeld des Königs so:

Leute, die Wilhelm früher kaum beachtet hätten und ihn vor der Tür stehen liessen, hätten ihm jetzt „demütiglich und untertänigst“ ihre Dienste anboten und ihn gar als ihren Herren akzeptiert. „Und alles, was zu handeln, zu reden, zu tun oder zu lassen war, wollten sie und der König, dass es via meinen Herrn Markgrafen gehen müsse.“

Wilhelm von Hachberg- Sausenberg, Landvogt der österreichischen Vorlande 1437 – 1448. Ausschnitt aus einem Bild in der Chronik Edlibach

Hachberg begleitete König Friedrich auch auf dessen Krönungsumritt, den er demonstrativ durch die Vorlande und die von den Eidgenossen besetzten Städte und Ländereien machte. Doch die Hoffnung des Königs, diese Gebiete würde allein kraft seines Charismas unter seine Herrschaft zurückkehren, erfüllten sich nicht. Enttäuscht verliess Friedrich im Dezember die Vorlande und als die Eidgenossen im Frühjahr 1443 den Krieg eröffneten, blieb die Hilfe aus dem Reich aus, mit der Hachberg und seine militärischen Kommandanten aus dem oberrheinischen Adel gerechnet hatten.

In der Not wandte sich der Landvogt um militärische Unterstützung an auswärtige Mächte. Zunächst bat er Herzog Phillippe von Burgund um Hilfe, als dieser ablehnte, sandte er im Frühjahr 1444 elsässische Adlige zum König von Frankreich. Ob er dies in Absprache mit Friedrich tat oder nicht, ist unter Historikern umstritten. König Charles war es einerlei. Er war noch so froh, seine Armagnaken, für die er nach dem Waffenstillstand mit England im Mai 1444 keine Verwendung mehr hatte, ausser Land führen zu können. Und so zogen die „Schinder“ mit rund 24’000 Pferden unter Führung des französischen Thronfolgers Louis via die Burgunderpforte in die Region Basel.

Ziel war es, die belagerte Stadt Zürich zu befreien und gemeinsam mit der vorländischen Ritterschaft, die habsburgische Stammlande zu erobern. Ob auch eine Eroberung der Stadt Basel geplant war, ist nicht sicher. „Basel.Stadt.Geschichte“ schreibt, dies sei der „Wunsch des habsburgfreundlichen Adels der Region“ gewesen.

Als die Eidgenossen vor Zürich von der Niederlage ihrer Truppen bei St. Jakob erfuhren, hoben sie die Belagerungen panikartig auf. Armagnakenverbände waren bereits bis Waldshut und in den Raum Balsthal jenseits des Jura vorgedrungen.

Dauphin Louis in einem späteren Bild als König Louis XI. von Frankreich; Credit: Wikocommons

Wilhelm von Hachberg hat damals wohl einen Moment geglaubt, seine Pläne gingen doch noch auf. Am 3. September schrieb er dem Bürgermeister von Zürich aus Rheinfelden, er rechne damit, dass sich auch Basel in den nächsten Tagen ergeben und Österreich „huldigen“ werde.

Doch am nächsten Tag musste Wilhelm zur Kenntnis nehmen, dass der Dauphin auf Intervention des Konzils, das ja immer noch in Basel tagte, eine völlige Kehrtwendung gemacht hatte. Er entschied, den Krieg gegen die Eidgenossen nicht weiterzuführen. Er schloss einen Frieden mit den Eidgenossen und mit Basel und seine Armagnaken blieben den ganzen Winter über im Elsass – mit den eingangs geschilderten, schlimmen Folgen.

Doch Wilhelms Pläne waren damit noch nicht obsolet. König Friedrich hatte schon ohne Kenntnis der Ereignisse von St. Jakob – endlich – entschieden, aktiv in den Krieg gegen die Eidgenossen einzugreifen. Er beauftragte seinen Bruder Albrecht VI., das Kommando am Oberrhein zu übernehmen, wie das Wilhelm schon früher wiederholt gefordert hatte.
Wilhelm trat ins zweite Glied zurück, aber Albrecht war weiter auf seine Kenntnisse der Region und sein weiterverzweigtes Beziehungsnetz angewiesen. Wilhelm übernahm die Funktion des Hofmeisters und Geheimdiplomaten. Doch auch Albrecht konnte die Eidgenossen mangels echter Unterstützung aus dem Reich nicht besiegen.

Das Haus Österreich schloss 1450 mit den Eidgenossen Frieden, ohne die Stammlande wiedergewonnen zu haben. Wilhelms Plan/Traum, den einheimischen Adel in einem neu geordneten deutschen Südwesten wieder in seine alte Rolle zu installieren, war auf ewig ausgeträumt. Wilhelm von Hachberg starb 1482 im hintersten Neuenburger Jura, wo er die letzten Jahre seines Lebens von seinem eigenen Sohn von der Aussenwelt isoliert in Burghaft verbringen musste, „dem Alkohol verfallen“.

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Karte der Gebietsverluste des Hauses Habsburg-Österreich an die Eidgenossen im 14. und 15. Jahrhundert inkl. die Lage der Herrschaft Hachberg-Sausenburg (das “Markgräflerland”) und die Route des Königsumritts von Friedrich III. 1422


Karte “Alter Zürichkrieg” aus dem Buch “Geschichte des Kantons Zürich” 1994, S. 487.
Ergänzung (rot) “Markrafschaft Hachberg-Sausenberg” und “Rötteln” durch den A. Müller/O. Grieder

Anmerkungen:

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